Titel: Schatten über heißem Staub (1/5)
Autor: Rieke
Beta: Cat
Spoiler: none
Rating: PG 13
Kategorie: Western, AU, MSR, minor Character Death
Wordcount: 3.647/13.709
Disclaimer: Dana Scully, Fox Mulder, Walter Skinner, Melissa Scully, John Doggett, Monica Reyes, Diana Fowley, Alex Krycek und alle anderen Figuren aus der Serie, die ich noch vergessen habe, gehören nicht mir, sondern Chris Carter, 20th Century Fox und 1013 Productions. Aber Lizzy und die Pferde sind meine! Die Stadt Mainor ist frei erfunden.
Short-Cut: Eine kleine Zeitreise in den Wilden Westen

Schatten über heißem Staub
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Es hatte seit Wochen nicht geregnet. Die Landschaft neben der Straße war braun von Trockenheit. Rechts und links des Weges gab es einfach nichts. Nur eine scheinbar endlose Weite verdorrtes Gras. In der Ferne konnte man am Horizont die Ausläufer eines Gebirges erahnen. Da dessen Farbe jedoch kaum von der verbrannten Steppe zu unterscheiden war, musste man schon sehr genau hinsehen. Seit sie die letzte kleine Ortschaft durchquert hatten, hatten sie nicht einmal mehr einen einzelnen Baum gesehen. Schon seit Stunden fuhren sie durch diese Einöde. Der silbergraue Ford wirbelte jede Menge Staub auf, der sich auf die schmale Landstraße gelegt hatte. Die Sonne brannte erbarmungslos von einem wolkenlos blauen Himmel auf sie nieder. Schatten schien man hier vergeblich zu suchen, was die Fahrt nicht gerade angenehmer machte. Dana Scully saß schweigend auf dem Beifahrersitz neben ihrem Partner, der das Auto über den holprigen Asphalt lenkte. Sie war sauer auf ihn und machte keinen Hehl daraus, es ihn wissen zu lassen. Es war Wochenende, Samstag nachmittag. Sie hatte sich für heute einen erholsamen Tag vorgenommen, doch stattdessen hatte dieser Mann sie um Hilfe gebeten und sie hierher, wie ihr schien ans Ende der Welt, geschleppt. Fox Mulder hatte wieder einmal seine Überredungskünste unter Beweis gestellt und ihre Pläne durchkreuzt. Scully begleitete ihn, doch hatte sie nicht die geringste Lust, heute zu arbeiten. Und der Fall, den Mulder ihr vorgetragen hatte, und wegen dem sie nun hunderte von Meilen von zu Hause entfernt waren, war diese Mühe keinesfalls wert, so dachte sie. Er hatte ihr von der angeblichen Entführung eines kleinen Jungen erzählt. Zwei seiner Spielkameraden wollten gesehen haben, wie ein großes helles Licht am Himmel aufgetaucht war. Nach Meinung der Kinder ein Raumschiff. Sie behaupteten, der dritte Junge sei mit dem Licht verschwunden. Die FBI Agentin, skeptisch wie eh und je, hielt das alles für die Fantasie zweier Jungs, die zuviel Science-Fiction im Fernsehen sahen. Aber ihr, wie stets von allem was nur im entferntesten mit außerirdischem Leben zu tun haben könnte, wie die Motten vom Licht magisch angezogener Kollege, hatte sich natürlich nicht von seiner Meinung abringen lassen, dass die beiden wirklich etwas gesehen haben könnten.
Irgendwann, es musste Ewigkeiten gedauert haben, erreichten sie wieder etwas wie Zivilisation. Ein paar kleine alte Blockhäuser, mehr nicht. Vor einem dieser Häuser brachte Mulder den Wagen zum stehen. Seine Partnerin, die kurz eingenickt war, wachte auf und richtete ihre himmelblauen Augen fragend auf ihn. Während er ausstieg erklärte er ihr, dass sie vor dem Haus standen in dem einer der Jungs wohnte. Sich neben dem Wagen erst mal streckend, wartete er darauf, dass Scully es ihm nachtun würde und ebenfalls das Auto verließ, doch sie blieb demonstrativ sitzen, um ihm noch einmal klar zu machen, was sie von diesem Fall hielt. Er murmelte etwas wie: "Dann eben nicht", und ging allein auf die Haustür zu. Durch die Windschutzscheibe beobachtete Scully, wie eine blonde Frau mittleren Alters die Tür öffnete und mit Mulder sprach. Gegen Ende dieses Gespräches deutete der Agent in eine bestimmte Richtung und die Frau nickte. Dann kam er zurück zum geparkten Ford.
"Die beiden Kinder sind spielen. Auf einem Gelände nicht weit von hier, dort wo es passiert ist", erklärte er beim Einsteigen.
Während Mulder die zwei Jungen befragte, stand Scully desinteressiert etwas abseits. Sie ertappte sich dabei, wie sie die Gestalt ihres Partners betrachtete. Er war ohne Zweifel ein gutaussehender Mann. Sportlich schlank, kurze braune Haare und sanfte braune Augen. Nur, dass er sie um mehr als 20 cm überragte, was an ihrer kleinen Körpergröße lag, war etwas, was sie manchmal störte. Er war ihr zu einem guten Freund geworden. Manchmal wünschte sie sich, es wäre mehr zwischen ihnen. Und obwohl sie in seltenen Momenten auch bei ihm diesen Wunsch spürte, verbat sie sich solche Gedanken. Er war ihr Partner und sie wollte Beruf und Privatleben nicht miteinander vermischen. So etwas führte nur zu Komplikationen. Und sie wollte ihn auf keinen Fall verlieren. Zuweilen konnte er sie allerdings ziemlich ärgern. So wie jetzt. Er wusste genau, dass dies nie lange anhielt, doch heute würde sie nicht nachgeben, heute würde sie schmollen. Er würde schon merken, was er davon hatte, sie hier herzuschleifen. Da sie von der Unterredung der Drei sowieso nur Bruchstücke mitbekam, entfernte sie sich von ihnen und sah sich gelangweilt den Ort an, an dem sie hier gelandet waren. Eine Geisterstadt mitten in der Wüste. Wieder einmal fragte sie sich, wie Mulder es immer wieder schaffte, sie an die unmöglichsten Orte zu bringen. Dies hier war nichts im Vergleich zu manch anderem, was sie in all den Jahren, die sie nun mit ihm zusammen arbeitete, gesehen hatte, doch war es nicht gerade ein Platz, an dem sie ihre Wochenenden verbringen wollte. Verlassene Holzhäuser, die wie die Kulisse eines alten Westerns wirkten, säumten den sandigen Weg. Beim Betrachten der alten Gebäude breitete sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen aus. Etwas war eigenartig. Alles hier kam ihr seltsam bekannt vor, obwohl sie sicher war, dass sie noch niemals in ihrem Leben an diesem Ort gewesen war. Vor einem der Häuser blieb sie stehen. Aus ihr unerklärlichen Gründen kam ihr dieses Haus vertraut vor. Die schwere Holztür stand einen Spalt weit offen. Vorsichtig schob sie sie ganz auf. Das Haus war leer. Außer ein paar rechteckigen Strohballen, die die Kinder wohl als Sitzgelegenheit hereingebracht hatten, war kein einziges Möbelstück zu sehen. Allein die Wände zierten mehrere große alte Ölbilder. Bei Scullys Eintreten knarrten die alten Holzdielen auf dem Boden. Sie drehte eine Runde durch das Zimmer und besah sich die Gemälde. Die meisten waren Bilder von Pferden. Darunter hin und wieder Portraits der Menschen, die vor langer Zeit einmal hier gelebt hatten. Wie angewurzelt blieb die Besucherin vor einem der Bilder stehen. In Augenhöhe vor ihr an der Wand hängend, zeigte es ein fröhlich lachendes Mädchen mit Cowboyhut, auf einem schwarzen Pferd sitzend. In der unteren rechten Ecke war eine Signatur und ein Datum angebracht. Den Namen des Malers konnte sie nicht entschlüsseln, aber das Datum war deutlich zu erkennen. Mai 1823. Scully starrte das Bild fassungslos an. Sie hatte das Gefühl, vor dem eigenen Portrait zu stehen. Dieses Mädchen auf dem Pferd sah aus wie sie. Rote Haare, blaue Augen. Das selbe Gesicht, die selbe kleine, zierliche Gestalt. Mal abgesehen von der schäbigen Kleidung glich sie ihr wie eine perfekte Kopie. Sie brachte es nicht fertig, ihre Augen wieder von dem Bild zu lösen. Wer war dieses Mädchen, das ihr zum Verwechseln ähnlich sah?
Die Hufe der Pferde donnerten durch die Prärie. Schnell wie der Wind stürmte der schwarze Mustang in gestrecktem Galopp durch die staubige Landschaft, angetrieben von der Stimme des Mädchens auf seinem Rücken. Dicht dahinter folgte eine Gruppe von drei Pferden, Männer in Cowboykleidung auf ihrem Rücken. Der Vorsprung des schwarzen Pferdes wurde mal geringer und vergrößerte sich dann wieder. Die junge Frau spielte mit ihren Verfolgern. Sie ließ sie näher kommen und wenn sie dachten, sie hätten sie gleich eingeholt, trieb sie ihren Rappen erneut an. Zwei Meilen hingen die drei Reiter nun schon hinter ihr. Bislang hatten sie ihre Flucht nicht stoppen können, allerdings ließen die drei sich auch nicht abschütteln.
Die 17jährige Dana Katherine war auf der Flucht vor ihrem Onkel und den Männern des Sheriffs. Ihr Onkel, ein großer stämmiger Mann mit Vollbart in seinem scheinbar dauernd mürrischem Gesicht, den sie zuvor noch nie gesehen hatte, war aus dem fernen Europa gekommen um sie dorthin mitzunehmen. Seit dem Tod ihrer Eltern hatte der Mann die Vormundschaft über sie. Bisher hatte er sich nie um das Mädchen gekümmert. Ihre Eltern waren noch vor der Geburt ihres ersten Kindes aus Irland hierher gekommen, um ein neues Leben zu beginnen. Und nun wollte dieser völlig unbekannte Verwandte sie in das Land bringen, in dem schon Mutter und Vater nicht glücklich geworden waren, um ihr, wie er sagte, Manieren und bessere Umgangsformen beizubringen. Doch der eigentliche Sinn war, sie dort mit einem reichen Adligen zu verheiraten. Es handelte sich wohl um einen Freund ihres Onkels, bei dem dieser hohe Schulden hatte, die er mit dem Eheversprechen begleichen wollte. Aber da hatte er die Rechnung ohne seine Nichte gemacht. Nein, sie würde sich nicht an den nächstbesten Mann verkaufen lassen. Und dann auch noch an so einen. Manieren beibringen, damit sie sich wie eine Dame benahm. Pah! Sie war keine Dame und wollte auch keine sein. Das gezierte Getue der Weiber in der Stadt war ihr höchst zuwider. Aus ihr eine feine Dame machen wollen, nicht mit ihr. Das kam überhaupt nicht in Frage. Sie wollte nicht nach Europa. Sie war glücklich hier, so wie sie war. Sie hatte ihren Vormund widerstandslos bis in die Stadt zum Hafen, ja sogar bis auf das Schiff begleitet. Doch als es klar zum Auslaufen gewesen war, war sie ohne zu Zögern ins Wasser des Hafenbeckens gesprungen. Ihr Onkel, der die Kabine gesucht hatte, bemerkte erst, dass sie nicht mehr auf dem Schiff war, als es längst zu spät war. Es war schon auf dem offenen Meer und würde ohne sie seinem Ziel entgegen fahren. Vor Nässe triefend stand sie nun allein im Hafen der Stadt Mainor. Die vielen Menschen um sie herum beachteten sie kaum. Um das muntere Treiben hier aufzuhalten, brauchte es mehr als ein nasses Fräulein. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge, um zurück zur Straße zu gelangen. Es war ein weiter Weg bis nach Hause und sie hatte kein Geld für die Postkutsche bei sich. Da fiel ihr Blick auf mehrere Pferde, die vor einem Saloon in der Nähe angebunden waren. Sie erkannte Thunderstorm, den temperamentvollen Hengst des Sheriffs ihres Heimatdorfes. Es gab kein Pferd in der Gegend, das schneller war als dieses. Kurzerhand band sie ihn los, schwang sich hinauf und stürmte davon. Diese Aktion blieb natürlich nicht unbemerkt. Sogleich hatten sich die drei Gehilfen des Sheriffs, die sie nun immer noch verfolgen, an ihre Fersen gehängt.
Auf der offenen Weite der Prärie jagten sie dem Mädchen hinterher, vielmehr der Staubwolke, die die Pferdehufe hinter ihr aufwirbelten. Auf den ersten Blick wäre Dana nicht von einem männlichen Reiter zu unterscheiden gewesen. Wären da nicht ihr schlanker weiblicher Körper und das flatternde lange Haar. Sie trug Hemd und Hose wie die Drei hinter ihr. Dazu ritt sie wie ein Mann. Da das Pferd unter ihr dem Sheriff gehörte, trug es auch dessen Sattel, aber Dana hatte auch sonst nicht viel für diesen albernen Damensattel übrig. Mary Roushes, die Mutter des jetzigen Bankdirektors hatte ihn ihrerzeit aus England mitgebracht und nun galt er bei den Frauen hier als einzig wahre Art für eine Dame zu reiten. Dana hielt ihn einfach nur für überflüssig. Sie ritt wie ein Cowboy. Die gerümpften Nasen und missbilligenden Blicke der "höheren" Damen übersah sie, genauso wie die heimliche Bewunderung in den Augen der jüngeren Mädchen. Über die Schulter blickte sie zurück. Sie waren immer noch dicht hinter ihr. So würde sie ihren Jägern nie entkommen. Um sie abzuhängen musste sie dieses Gelände auf jeden Fall verlassen. Am Horizont tauchten ein paar Bäume auf. Das war ihre Chance. Diese Bäume bildeten den Anfang eines dichten Waldes. Wenn sie sich erst einmal den Blicken der Verfolger entziehen konnte, würden die sie hoffentlich ganz aus den Augen verlieren. Sie steuerte Thunderstorm geradewegs in den Wald hinein und verschwand zwischen den Bäumen. Sie kannte sich gut aus in dem Wald, so das sie das Pferd in vollem Galopp durch den engen, kurvigen Trampelpfad reiten konnte. Ihre Jäger ritten hinter ihr in den Wald hinein, verloren aber schon bald die Übersicht. Sie wurden immer langsamer, um die nächste Biegung des Weges nicht zu verpassen, oder um nicht gegen plötzlich auftauchende Äste zu prallen. Schließlich gaben sie auf. Dana war ihnen erfolgreich entwischt. Die drei machten kehrt und ritten in gemächlichem Tempo zurück.
"Und wieder einmal mussten wir sie ziehen lassen."
Jim, ein großgewachsener, unrasierter junger Mann, verkündete dies mit einem resignierten Seufzer.
"Wie oft will die Kleine eigentlich noch die Deppen aus uns machen?"
"Hör’ auf hier rumzujammern." Das war die gelangweilte Stimme Toms, des ältesten der drei. "Sie wird es wieder tun und wir sind nunmal machtlos gegen sie. Solange keiner davon Schaden nimmt, ist doch alles halb so wild."
"Sie hat das schon öfter gemacht?", mischte sich nun Joe ein. Er stand erst seit kurzem in den Diensten des Sheriffs.
"Ja verdammt, das hat sie. Sie besitzt kein eigenes Pferd, aber wenn sie mal eines braucht, nimmt sie einfach Thunderstorm. Sie liebt das Tier und der Sheriff kann ihr nicht lange böse sein. Das weiß sie genau."
"Sie wollte ihn also gar nicht stehlen?"
"Nein, wenn der Sheriff nach Hause kommt, wird er Thunderstorm in seiner Box im Stall vorfinden, wo er hingehört. Und der Kleinen können wir nichts mehr anhängen."
Statt einer Antwort pfiff Joe bewundernd durch die Zähne.
Inzwischen hatte Dana den Wald hinter sich gelassen. In einiger Entfernung vor sich konnte sie schon die ersten Häuser des kleinen Ortes erkennen, den sie ihre Heimat nannte. Sie war schon seit vielen Jahren Waise. Ihre Eltern waren bei einem Feuer auf der Farm, die ihnen gehört hatte, ums Leben gekommen. Nur Dana und ihre ein Jahr ältere Schwester Melissa hatten überlebt, weil sie zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause gewesen waren. Die Farm war völlig abgebrannt. Seitdem bewohnten die Schwestern ein Zimmer über dem Saloon. Die Besitzerin, Maggie, war eine gute Freundin ihrer Mutter gewesen und hatte die beiden Kinder zu sich genommen. Pferd und Reiterin hatten das Dorf nun erreicht. Eilig lenkte sie das schöne Tier auf den Stall des Sheriffs zu. Gewissenhaft versorgte sie den Hengst, der ihr einmal mehr aus einer misslichen Lage heraus geholfen hatte.
"Kind, wie siehst du denn aus, du bist ja ganz nass. Bist du ins Wasser gefallen?"
Maggie fasste sich an den Kopf, als Dana durch die Küchentür trat. Trotz ihrer 17 Jahre war Dana für Maggie immer noch ein Kind, zumal sie sich nicht selten wie eines benahm.
"Gesprungen", murmelte sie zerknirscht.
"Gesprungen?" Maggie schien nicht ganz folgen zu können. Dann fiel es ihr wieder ein. "Natürlich. Er wollte dich auf ein Schiff bringen. Europa? Du bist vom Schiff gesprungen?", fügte sie ihre Gedankenfetzen zu einem Ergebnis zusammen. Der Gedanke an Danas Abreise war der älteren Frau so zuwider gewesen, dass sie ihn völlig verdrängt und den Termin vergessen hatte.
"Ja." Sie nickte. "Ich will da nicht hin. Ich möchte hier bei dir bleiben. Bitte lass mich hierbleiben."
Maggie nahm Dana in die Arme. "Aber natürlich bleibst du hier."
Sie ließ ihre "Tochter" wieder los, und scheuchte sie dann lächelnd mit dem Befehl sich etwas trockenes anzuziehen hinaus.
Die Bretter der Holztreppe knarrten bei jedem Schritt, den Dana tat. Je zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte sie nach oben in ihr Zimmer. Es war ein kleiner, aber recht hübscher Raum. Doch vor allem gehörte er ihr. Dieses Zimmer war so ziemlich das Einzige, was sie besaß. Als sie und Melissa damals hier hinübergesiedelt waren, hatten sie sich zuerst als nutzlose Anhängsel gesehen, die mit durchgefüttert werden mussten. Alle anderen Gäste hier bezahlten für ihre Zimmer. Weil sie das nicht taten, fühlten sie sich irgendwie schuldig. Maggie wollte davon natürlich nichts wissen. Für sie waren die Beiden so etwas wie die Töchter, die sie selbst nie gehabt hatte. Aber die Zwei ließen sich nicht überzeugen. Deshalb schlug Maggie ihnen vor ihr, unten im Saloon in der Küche zu helfen, als Bezahlung für das Zimmer. Sie hatten den Vorschlag angenommen und arbeiteten seither für Maggie. Vor einem Jahr jedoch hatte Melissa ihr Leben lassen müssen. Unerwartet und viel zu plötzlich. Niemand hatte mit einem Anschlag auf ihr Leben rechnen können. Dana machte sich große Vorwürfe und vermisste sie schrecklich. Um sie ein wenig aufzumuntern, hatte Maggie Dana das Zimmer und die darin befindlichen Sachen überschrieben und keinen Widerspruch geduldet. Dana arbeitete jedoch weiterhin, ohne Gegenleistungen außer ihre Mahlzeiten anzunehmen, in der Saloonküche.
Das Mädchen öffnete die in den Angeln quietschenden Türen des alten Holzschrankes und holte ein blau kariertes Hemd und eine trockene Hose daraus hervor. Sie machte sich nichts aus schönen Kleidern, wie die anderen Mädchen in ihrem Alter. Sie besaß nur ein einziges Kleid, das sie noch nie angehabt hatte. Ein Erbstück ihrer Mutter. Während sie ihr durchnässtes Hemd aufknöpfte, ging sie ans Fenster und betrachtete gedankenverloren das Treiben vor dem Saloon. Zu dieser Tageszeit war die Straße sehr belebt. Sie sah Männer mit oder ohne Pferd, durch die Stadt ziehen, Frauen in Kutschen vorbeifahren und spielende Kinder. Einer von zwei Cowboys, die gerade auf dem Weg in den Saloon waren, sah zu ihrem Fenster auf und grinste. Dana erschrak. Ihr Hemd war ja offen und hier am Fenster konnte sie jeder sehen. Wo war sie nur wieder mit ihren Gedanken gewesen? Sie entfernte sich vom Fenster und zog sich fertig um. Kurze Zeit später eilte sie die Treppe wieder hinunter. In der Küche wartete noch Arbeit auf sie.
Das Haus des Sheriffs lag zwei Straßen weit vom Saloon entfernt. Das Klopfen von Danas Fingern gegen die Tür hallte dumpf im Innern des Hauses wieder. Maggie hatte Dana, als sie ihre Arbeit getan hatte, hergeschickt, da der Sheriff sie zu sich bestellt hatte. Von Innen hörte man Schritte näherkommen und gleich darauf öffnete die Haushälterin die Tür. Sie brachte Dana zu einem kleinen Büro, in dem der Sheriff, ein großer Mann mittleren Alters mit Halbglatze, bereits auf sie wartete. Der silberne Stern, welcher an seiner Weste steckte, schimmerte erhaben im Licht.
"Guten Tag, Mr. Skinner", grüßte sie artig. "Sie haben mich rufen lassen, Sir?"
"Setz dich, ich habe mit dir zu reden."
"Was gibt's?" Sie bemühte sich, so unschuldig wie möglich zu klingen.
"Weißt du, ich hatte heute Vormittag in Mainor zu tun und irgendwie ist mir dort mein Pferd abhanden gekommen."
"Ach, tatsächlich?"
"Ja, tatsächlich. Ein rothaariges Mädchen ist auf ihm davon geritten. Du weißt nicht zufällig, wer das gewesen sein könnte?"
Dana schielte kurz die verräterisch rote Haarsträhne an, die ihr ins Gesicht fiel.
"Ist er denn immer noch abhanden?"
"Nein, er steht putzmunter im Stall."
"Na dann ist doch alles in Ordnung."
"Wir beide wissen doch wer das war. Außerdem haben meine drei Gehilfen dich erkannt."
"Ich hatte es eilig", entschied sie sich für die Wahrheit.
"Dana, du hast es immer eilig. Und natürlich hast du bloß wieder vergessen zu fragen."
Der Sheriff betrachtete sie kopfschüttelnd. "Was soll ich nur mit dir machen?" Er seufzte.
"Ich habe doch nichts schlimmes getan. Thunderstorm ist wieder da und es geht ihm gut."
"Nun, dadurch dass ich mir ein Pferd mieten musste um heimzukommen, sind mir unnötige Kosten entstanden. Außerdem hat er ein Hufeisen verloren, das heißt, ich muss den Hufschmied bemühen, was wiederum Kosten verursacht. Und", er grinste, "das wollen wir nicht vergessen, du hast meine Männer blamiert. Deshalb muss ich dich bestrafen."
Sie senkte den Kopf und sah betreten zu Boden.
"Also, zur Strafe hast du zwei Wochen lang Stalldienst. Und jetzt lauf nach Hause."
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Mit einem Lächeln ging sie zur Tür hinaus. Sheriff Skinner sah ihr ebenfalls lächelnd hinterher. Er wusste, dass der Stalldienst keine wirkliche Strafe für das Mädchen war, so gerne wie sie sich bei den Pferden herumtrieb.
Schon von weitem hörte die vom Sheriff zurückkommende Dana den Lärm aus dem Saloon. Jetzt, am Abend, war die Zeit, in der Hochbetrieb herrschte. Ihre Anwesenheit in der Küche würde verlangt werden. Sie entschied sich, nicht erst um das Gebäude herum zum Hintereingang zu gehen, sondern stieß die zwei hölzernen Flügel der Haupttür auseinander und fand sich sogleich eingehüllt in den Geruch von Zigarettenrauch, Alkohol und Schweiß. Um in die Küche zu kommen, durchquerte sie den großen Raum vorbei an der kleinen Bühne, auf der eine Gruppe Musiker für Unterhaltung sorgte. Die Augen von John Doggett, der an einem Tisch in der Mitte des Raumes saß, folgten dem rothaarigen Mädchen bis hin zum Tresen, an dem sie kurz stehenblieb und sich mit der jungen Frau dahinter unterhielt, ehe sie in die Küche verschwand.
"Ein Prachtmädel, die Kleine", dachte er laut nach. "Das wäre die richtige Frau für mich."
Fox Mulder, der neben seinem Freund am Tisch saß, prustete. Beinahe hätte er den Schluck Whiskey, den er noch nicht hinuntergeschluckt hatte, wieder ausgespuckt.
"Dana? Vergiss es."
"Wieso nicht? Sie ist nicht zimperlich, gebildet und bildschön."
"Eine widerspenstige Göre ist das, sonst nichts. Aber für Männer hat sie sowieso nichts übrig, da vergeudest du deine Zeit. Es ist leichter, einen wilden Mustang zu zähmen, als sie."
"Woher willst du das wissen?" John sah sein Gegenüber mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Hast du es schon mal bei ihr versucht?"
"Gott bewahre, nein. Ich kenne sie bloß schon ein paar Tage länger als du."
Fox und Dana hatten sich schon als Kinder gekannt. Sie war schon immer ein ausgesprochener Wildfang gewesen, der lieber mit den Jungs um die Wette ritt, als mit den Mädchen spielte. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester. Noch bevor Dana laufen konnte, hatte sie schon auf den Pferden ihrer Eltern gesessen. Fox dachte an die unzähligen Reitduelle, die sie sich als Kinder geliefert hatten. Schon damals hatte Dana ihn, wie sie es mit allen anderen ebenfalls getan hatte, mühelos abgehängt. Als die Pferde nach dem Tod ihrer Eltern verkauft worden waren, war das für Dana unerträglich gewesen. Wochenlang hatte sie sich im Stall bei den Reittieren des Sheriffs verkrochen und nicht einmal Melissa an sich gelassen.
"Ich wette mit dir, ich kriege sie rum", riss John den jungen Mann aus seinen Gedanken.
"Na, die Wette nehme ich an." Absolut überzeugt davon, dass dies nicht zu schaffen war, schlug Fox den Einsatz vor. "Mein Pferd dagegen, dass du es schaffst. Und ich liebe mein Pferd."
"Deinen Trusty? Geht klar."
"Okay wenn du es schaffst, gehört dir mein Fuchs, wenn nicht bekomme ich deines."
"Meinen Djacko?"
"Du warst dir doch eben noch sicher, also was ist?"
"Okay."
Die beiden Männer besiegelten ihre Wette mit einem Handschlag.
TBC
Autor: Rieke
Beta: Cat
Spoiler: none
Rating: PG 13
Kategorie: Western, AU, MSR, minor Character Death
Wordcount: 3.647/13.709
Disclaimer: Dana Scully, Fox Mulder, Walter Skinner, Melissa Scully, John Doggett, Monica Reyes, Diana Fowley, Alex Krycek und alle anderen Figuren aus der Serie, die ich noch vergessen habe, gehören nicht mir, sondern Chris Carter, 20th Century Fox und 1013 Productions. Aber Lizzy und die Pferde sind meine! Die Stadt Mainor ist frei erfunden.
Short-Cut: Eine kleine Zeitreise in den Wilden Westen
Schatten über heißem Staub
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Es hatte seit Wochen nicht geregnet. Die Landschaft neben der Straße war braun von Trockenheit. Rechts und links des Weges gab es einfach nichts. Nur eine scheinbar endlose Weite verdorrtes Gras. In der Ferne konnte man am Horizont die Ausläufer eines Gebirges erahnen. Da dessen Farbe jedoch kaum von der verbrannten Steppe zu unterscheiden war, musste man schon sehr genau hinsehen. Seit sie die letzte kleine Ortschaft durchquert hatten, hatten sie nicht einmal mehr einen einzelnen Baum gesehen. Schon seit Stunden fuhren sie durch diese Einöde. Der silbergraue Ford wirbelte jede Menge Staub auf, der sich auf die schmale Landstraße gelegt hatte. Die Sonne brannte erbarmungslos von einem wolkenlos blauen Himmel auf sie nieder. Schatten schien man hier vergeblich zu suchen, was die Fahrt nicht gerade angenehmer machte. Dana Scully saß schweigend auf dem Beifahrersitz neben ihrem Partner, der das Auto über den holprigen Asphalt lenkte. Sie war sauer auf ihn und machte keinen Hehl daraus, es ihn wissen zu lassen. Es war Wochenende, Samstag nachmittag. Sie hatte sich für heute einen erholsamen Tag vorgenommen, doch stattdessen hatte dieser Mann sie um Hilfe gebeten und sie hierher, wie ihr schien ans Ende der Welt, geschleppt. Fox Mulder hatte wieder einmal seine Überredungskünste unter Beweis gestellt und ihre Pläne durchkreuzt. Scully begleitete ihn, doch hatte sie nicht die geringste Lust, heute zu arbeiten. Und der Fall, den Mulder ihr vorgetragen hatte, und wegen dem sie nun hunderte von Meilen von zu Hause entfernt waren, war diese Mühe keinesfalls wert, so dachte sie. Er hatte ihr von der angeblichen Entführung eines kleinen Jungen erzählt. Zwei seiner Spielkameraden wollten gesehen haben, wie ein großes helles Licht am Himmel aufgetaucht war. Nach Meinung der Kinder ein Raumschiff. Sie behaupteten, der dritte Junge sei mit dem Licht verschwunden. Die FBI Agentin, skeptisch wie eh und je, hielt das alles für die Fantasie zweier Jungs, die zuviel Science-Fiction im Fernsehen sahen. Aber ihr, wie stets von allem was nur im entferntesten mit außerirdischem Leben zu tun haben könnte, wie die Motten vom Licht magisch angezogener Kollege, hatte sich natürlich nicht von seiner Meinung abringen lassen, dass die beiden wirklich etwas gesehen haben könnten.
Irgendwann, es musste Ewigkeiten gedauert haben, erreichten sie wieder etwas wie Zivilisation. Ein paar kleine alte Blockhäuser, mehr nicht. Vor einem dieser Häuser brachte Mulder den Wagen zum stehen. Seine Partnerin, die kurz eingenickt war, wachte auf und richtete ihre himmelblauen Augen fragend auf ihn. Während er ausstieg erklärte er ihr, dass sie vor dem Haus standen in dem einer der Jungs wohnte. Sich neben dem Wagen erst mal streckend, wartete er darauf, dass Scully es ihm nachtun würde und ebenfalls das Auto verließ, doch sie blieb demonstrativ sitzen, um ihm noch einmal klar zu machen, was sie von diesem Fall hielt. Er murmelte etwas wie: "Dann eben nicht", und ging allein auf die Haustür zu. Durch die Windschutzscheibe beobachtete Scully, wie eine blonde Frau mittleren Alters die Tür öffnete und mit Mulder sprach. Gegen Ende dieses Gespräches deutete der Agent in eine bestimmte Richtung und die Frau nickte. Dann kam er zurück zum geparkten Ford.
"Die beiden Kinder sind spielen. Auf einem Gelände nicht weit von hier, dort wo es passiert ist", erklärte er beim Einsteigen.
Während Mulder die zwei Jungen befragte, stand Scully desinteressiert etwas abseits. Sie ertappte sich dabei, wie sie die Gestalt ihres Partners betrachtete. Er war ohne Zweifel ein gutaussehender Mann. Sportlich schlank, kurze braune Haare und sanfte braune Augen. Nur, dass er sie um mehr als 20 cm überragte, was an ihrer kleinen Körpergröße lag, war etwas, was sie manchmal störte. Er war ihr zu einem guten Freund geworden. Manchmal wünschte sie sich, es wäre mehr zwischen ihnen. Und obwohl sie in seltenen Momenten auch bei ihm diesen Wunsch spürte, verbat sie sich solche Gedanken. Er war ihr Partner und sie wollte Beruf und Privatleben nicht miteinander vermischen. So etwas führte nur zu Komplikationen. Und sie wollte ihn auf keinen Fall verlieren. Zuweilen konnte er sie allerdings ziemlich ärgern. So wie jetzt. Er wusste genau, dass dies nie lange anhielt, doch heute würde sie nicht nachgeben, heute würde sie schmollen. Er würde schon merken, was er davon hatte, sie hier herzuschleifen. Da sie von der Unterredung der Drei sowieso nur Bruchstücke mitbekam, entfernte sie sich von ihnen und sah sich gelangweilt den Ort an, an dem sie hier gelandet waren. Eine Geisterstadt mitten in der Wüste. Wieder einmal fragte sie sich, wie Mulder es immer wieder schaffte, sie an die unmöglichsten Orte zu bringen. Dies hier war nichts im Vergleich zu manch anderem, was sie in all den Jahren, die sie nun mit ihm zusammen arbeitete, gesehen hatte, doch war es nicht gerade ein Platz, an dem sie ihre Wochenenden verbringen wollte. Verlassene Holzhäuser, die wie die Kulisse eines alten Westerns wirkten, säumten den sandigen Weg. Beim Betrachten der alten Gebäude breitete sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen aus. Etwas war eigenartig. Alles hier kam ihr seltsam bekannt vor, obwohl sie sicher war, dass sie noch niemals in ihrem Leben an diesem Ort gewesen war. Vor einem der Häuser blieb sie stehen. Aus ihr unerklärlichen Gründen kam ihr dieses Haus vertraut vor. Die schwere Holztür stand einen Spalt weit offen. Vorsichtig schob sie sie ganz auf. Das Haus war leer. Außer ein paar rechteckigen Strohballen, die die Kinder wohl als Sitzgelegenheit hereingebracht hatten, war kein einziges Möbelstück zu sehen. Allein die Wände zierten mehrere große alte Ölbilder. Bei Scullys Eintreten knarrten die alten Holzdielen auf dem Boden. Sie drehte eine Runde durch das Zimmer und besah sich die Gemälde. Die meisten waren Bilder von Pferden. Darunter hin und wieder Portraits der Menschen, die vor langer Zeit einmal hier gelebt hatten. Wie angewurzelt blieb die Besucherin vor einem der Bilder stehen. In Augenhöhe vor ihr an der Wand hängend, zeigte es ein fröhlich lachendes Mädchen mit Cowboyhut, auf einem schwarzen Pferd sitzend. In der unteren rechten Ecke war eine Signatur und ein Datum angebracht. Den Namen des Malers konnte sie nicht entschlüsseln, aber das Datum war deutlich zu erkennen. Mai 1823. Scully starrte das Bild fassungslos an. Sie hatte das Gefühl, vor dem eigenen Portrait zu stehen. Dieses Mädchen auf dem Pferd sah aus wie sie. Rote Haare, blaue Augen. Das selbe Gesicht, die selbe kleine, zierliche Gestalt. Mal abgesehen von der schäbigen Kleidung glich sie ihr wie eine perfekte Kopie. Sie brachte es nicht fertig, ihre Augen wieder von dem Bild zu lösen. Wer war dieses Mädchen, das ihr zum Verwechseln ähnlich sah?
Wilder Westen
1823
1823
Die Hufe der Pferde donnerten durch die Prärie. Schnell wie der Wind stürmte der schwarze Mustang in gestrecktem Galopp durch die staubige Landschaft, angetrieben von der Stimme des Mädchens auf seinem Rücken. Dicht dahinter folgte eine Gruppe von drei Pferden, Männer in Cowboykleidung auf ihrem Rücken. Der Vorsprung des schwarzen Pferdes wurde mal geringer und vergrößerte sich dann wieder. Die junge Frau spielte mit ihren Verfolgern. Sie ließ sie näher kommen und wenn sie dachten, sie hätten sie gleich eingeholt, trieb sie ihren Rappen erneut an. Zwei Meilen hingen die drei Reiter nun schon hinter ihr. Bislang hatten sie ihre Flucht nicht stoppen können, allerdings ließen die drei sich auch nicht abschütteln.
Die 17jährige Dana Katherine war auf der Flucht vor ihrem Onkel und den Männern des Sheriffs. Ihr Onkel, ein großer stämmiger Mann mit Vollbart in seinem scheinbar dauernd mürrischem Gesicht, den sie zuvor noch nie gesehen hatte, war aus dem fernen Europa gekommen um sie dorthin mitzunehmen. Seit dem Tod ihrer Eltern hatte der Mann die Vormundschaft über sie. Bisher hatte er sich nie um das Mädchen gekümmert. Ihre Eltern waren noch vor der Geburt ihres ersten Kindes aus Irland hierher gekommen, um ein neues Leben zu beginnen. Und nun wollte dieser völlig unbekannte Verwandte sie in das Land bringen, in dem schon Mutter und Vater nicht glücklich geworden waren, um ihr, wie er sagte, Manieren und bessere Umgangsformen beizubringen. Doch der eigentliche Sinn war, sie dort mit einem reichen Adligen zu verheiraten. Es handelte sich wohl um einen Freund ihres Onkels, bei dem dieser hohe Schulden hatte, die er mit dem Eheversprechen begleichen wollte. Aber da hatte er die Rechnung ohne seine Nichte gemacht. Nein, sie würde sich nicht an den nächstbesten Mann verkaufen lassen. Und dann auch noch an so einen. Manieren beibringen, damit sie sich wie eine Dame benahm. Pah! Sie war keine Dame und wollte auch keine sein. Das gezierte Getue der Weiber in der Stadt war ihr höchst zuwider. Aus ihr eine feine Dame machen wollen, nicht mit ihr. Das kam überhaupt nicht in Frage. Sie wollte nicht nach Europa. Sie war glücklich hier, so wie sie war. Sie hatte ihren Vormund widerstandslos bis in die Stadt zum Hafen, ja sogar bis auf das Schiff begleitet. Doch als es klar zum Auslaufen gewesen war, war sie ohne zu Zögern ins Wasser des Hafenbeckens gesprungen. Ihr Onkel, der die Kabine gesucht hatte, bemerkte erst, dass sie nicht mehr auf dem Schiff war, als es längst zu spät war. Es war schon auf dem offenen Meer und würde ohne sie seinem Ziel entgegen fahren. Vor Nässe triefend stand sie nun allein im Hafen der Stadt Mainor. Die vielen Menschen um sie herum beachteten sie kaum. Um das muntere Treiben hier aufzuhalten, brauchte es mehr als ein nasses Fräulein. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge, um zurück zur Straße zu gelangen. Es war ein weiter Weg bis nach Hause und sie hatte kein Geld für die Postkutsche bei sich. Da fiel ihr Blick auf mehrere Pferde, die vor einem Saloon in der Nähe angebunden waren. Sie erkannte Thunderstorm, den temperamentvollen Hengst des Sheriffs ihres Heimatdorfes. Es gab kein Pferd in der Gegend, das schneller war als dieses. Kurzerhand band sie ihn los, schwang sich hinauf und stürmte davon. Diese Aktion blieb natürlich nicht unbemerkt. Sogleich hatten sich die drei Gehilfen des Sheriffs, die sie nun immer noch verfolgen, an ihre Fersen gehängt.
Auf der offenen Weite der Prärie jagten sie dem Mädchen hinterher, vielmehr der Staubwolke, die die Pferdehufe hinter ihr aufwirbelten. Auf den ersten Blick wäre Dana nicht von einem männlichen Reiter zu unterscheiden gewesen. Wären da nicht ihr schlanker weiblicher Körper und das flatternde lange Haar. Sie trug Hemd und Hose wie die Drei hinter ihr. Dazu ritt sie wie ein Mann. Da das Pferd unter ihr dem Sheriff gehörte, trug es auch dessen Sattel, aber Dana hatte auch sonst nicht viel für diesen albernen Damensattel übrig. Mary Roushes, die Mutter des jetzigen Bankdirektors hatte ihn ihrerzeit aus England mitgebracht und nun galt er bei den Frauen hier als einzig wahre Art für eine Dame zu reiten. Dana hielt ihn einfach nur für überflüssig. Sie ritt wie ein Cowboy. Die gerümpften Nasen und missbilligenden Blicke der "höheren" Damen übersah sie, genauso wie die heimliche Bewunderung in den Augen der jüngeren Mädchen. Über die Schulter blickte sie zurück. Sie waren immer noch dicht hinter ihr. So würde sie ihren Jägern nie entkommen. Um sie abzuhängen musste sie dieses Gelände auf jeden Fall verlassen. Am Horizont tauchten ein paar Bäume auf. Das war ihre Chance. Diese Bäume bildeten den Anfang eines dichten Waldes. Wenn sie sich erst einmal den Blicken der Verfolger entziehen konnte, würden die sie hoffentlich ganz aus den Augen verlieren. Sie steuerte Thunderstorm geradewegs in den Wald hinein und verschwand zwischen den Bäumen. Sie kannte sich gut aus in dem Wald, so das sie das Pferd in vollem Galopp durch den engen, kurvigen Trampelpfad reiten konnte. Ihre Jäger ritten hinter ihr in den Wald hinein, verloren aber schon bald die Übersicht. Sie wurden immer langsamer, um die nächste Biegung des Weges nicht zu verpassen, oder um nicht gegen plötzlich auftauchende Äste zu prallen. Schließlich gaben sie auf. Dana war ihnen erfolgreich entwischt. Die drei machten kehrt und ritten in gemächlichem Tempo zurück.
"Und wieder einmal mussten wir sie ziehen lassen."
Jim, ein großgewachsener, unrasierter junger Mann, verkündete dies mit einem resignierten Seufzer.
"Wie oft will die Kleine eigentlich noch die Deppen aus uns machen?"
"Hör’ auf hier rumzujammern." Das war die gelangweilte Stimme Toms, des ältesten der drei. "Sie wird es wieder tun und wir sind nunmal machtlos gegen sie. Solange keiner davon Schaden nimmt, ist doch alles halb so wild."
"Sie hat das schon öfter gemacht?", mischte sich nun Joe ein. Er stand erst seit kurzem in den Diensten des Sheriffs.
"Ja verdammt, das hat sie. Sie besitzt kein eigenes Pferd, aber wenn sie mal eines braucht, nimmt sie einfach Thunderstorm. Sie liebt das Tier und der Sheriff kann ihr nicht lange böse sein. Das weiß sie genau."
"Sie wollte ihn also gar nicht stehlen?"
"Nein, wenn der Sheriff nach Hause kommt, wird er Thunderstorm in seiner Box im Stall vorfinden, wo er hingehört. Und der Kleinen können wir nichts mehr anhängen."
Statt einer Antwort pfiff Joe bewundernd durch die Zähne.
Inzwischen hatte Dana den Wald hinter sich gelassen. In einiger Entfernung vor sich konnte sie schon die ersten Häuser des kleinen Ortes erkennen, den sie ihre Heimat nannte. Sie war schon seit vielen Jahren Waise. Ihre Eltern waren bei einem Feuer auf der Farm, die ihnen gehört hatte, ums Leben gekommen. Nur Dana und ihre ein Jahr ältere Schwester Melissa hatten überlebt, weil sie zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause gewesen waren. Die Farm war völlig abgebrannt. Seitdem bewohnten die Schwestern ein Zimmer über dem Saloon. Die Besitzerin, Maggie, war eine gute Freundin ihrer Mutter gewesen und hatte die beiden Kinder zu sich genommen. Pferd und Reiterin hatten das Dorf nun erreicht. Eilig lenkte sie das schöne Tier auf den Stall des Sheriffs zu. Gewissenhaft versorgte sie den Hengst, der ihr einmal mehr aus einer misslichen Lage heraus geholfen hatte.
"Kind, wie siehst du denn aus, du bist ja ganz nass. Bist du ins Wasser gefallen?"
Maggie fasste sich an den Kopf, als Dana durch die Küchentür trat. Trotz ihrer 17 Jahre war Dana für Maggie immer noch ein Kind, zumal sie sich nicht selten wie eines benahm.
"Gesprungen", murmelte sie zerknirscht.
"Gesprungen?" Maggie schien nicht ganz folgen zu können. Dann fiel es ihr wieder ein. "Natürlich. Er wollte dich auf ein Schiff bringen. Europa? Du bist vom Schiff gesprungen?", fügte sie ihre Gedankenfetzen zu einem Ergebnis zusammen. Der Gedanke an Danas Abreise war der älteren Frau so zuwider gewesen, dass sie ihn völlig verdrängt und den Termin vergessen hatte.
"Ja." Sie nickte. "Ich will da nicht hin. Ich möchte hier bei dir bleiben. Bitte lass mich hierbleiben."
Maggie nahm Dana in die Arme. "Aber natürlich bleibst du hier."
Sie ließ ihre "Tochter" wieder los, und scheuchte sie dann lächelnd mit dem Befehl sich etwas trockenes anzuziehen hinaus.
Die Bretter der Holztreppe knarrten bei jedem Schritt, den Dana tat. Je zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte sie nach oben in ihr Zimmer. Es war ein kleiner, aber recht hübscher Raum. Doch vor allem gehörte er ihr. Dieses Zimmer war so ziemlich das Einzige, was sie besaß. Als sie und Melissa damals hier hinübergesiedelt waren, hatten sie sich zuerst als nutzlose Anhängsel gesehen, die mit durchgefüttert werden mussten. Alle anderen Gäste hier bezahlten für ihre Zimmer. Weil sie das nicht taten, fühlten sie sich irgendwie schuldig. Maggie wollte davon natürlich nichts wissen. Für sie waren die Beiden so etwas wie die Töchter, die sie selbst nie gehabt hatte. Aber die Zwei ließen sich nicht überzeugen. Deshalb schlug Maggie ihnen vor ihr, unten im Saloon in der Küche zu helfen, als Bezahlung für das Zimmer. Sie hatten den Vorschlag angenommen und arbeiteten seither für Maggie. Vor einem Jahr jedoch hatte Melissa ihr Leben lassen müssen. Unerwartet und viel zu plötzlich. Niemand hatte mit einem Anschlag auf ihr Leben rechnen können. Dana machte sich große Vorwürfe und vermisste sie schrecklich. Um sie ein wenig aufzumuntern, hatte Maggie Dana das Zimmer und die darin befindlichen Sachen überschrieben und keinen Widerspruch geduldet. Dana arbeitete jedoch weiterhin, ohne Gegenleistungen außer ihre Mahlzeiten anzunehmen, in der Saloonküche.
Das Mädchen öffnete die in den Angeln quietschenden Türen des alten Holzschrankes und holte ein blau kariertes Hemd und eine trockene Hose daraus hervor. Sie machte sich nichts aus schönen Kleidern, wie die anderen Mädchen in ihrem Alter. Sie besaß nur ein einziges Kleid, das sie noch nie angehabt hatte. Ein Erbstück ihrer Mutter. Während sie ihr durchnässtes Hemd aufknöpfte, ging sie ans Fenster und betrachtete gedankenverloren das Treiben vor dem Saloon. Zu dieser Tageszeit war die Straße sehr belebt. Sie sah Männer mit oder ohne Pferd, durch die Stadt ziehen, Frauen in Kutschen vorbeifahren und spielende Kinder. Einer von zwei Cowboys, die gerade auf dem Weg in den Saloon waren, sah zu ihrem Fenster auf und grinste. Dana erschrak. Ihr Hemd war ja offen und hier am Fenster konnte sie jeder sehen. Wo war sie nur wieder mit ihren Gedanken gewesen? Sie entfernte sich vom Fenster und zog sich fertig um. Kurze Zeit später eilte sie die Treppe wieder hinunter. In der Küche wartete noch Arbeit auf sie.
>->*<-<
Das Haus des Sheriffs lag zwei Straßen weit vom Saloon entfernt. Das Klopfen von Danas Fingern gegen die Tür hallte dumpf im Innern des Hauses wieder. Maggie hatte Dana, als sie ihre Arbeit getan hatte, hergeschickt, da der Sheriff sie zu sich bestellt hatte. Von Innen hörte man Schritte näherkommen und gleich darauf öffnete die Haushälterin die Tür. Sie brachte Dana zu einem kleinen Büro, in dem der Sheriff, ein großer Mann mittleren Alters mit Halbglatze, bereits auf sie wartete. Der silberne Stern, welcher an seiner Weste steckte, schimmerte erhaben im Licht.
"Guten Tag, Mr. Skinner", grüßte sie artig. "Sie haben mich rufen lassen, Sir?"
"Setz dich, ich habe mit dir zu reden."
"Was gibt's?" Sie bemühte sich, so unschuldig wie möglich zu klingen.
"Weißt du, ich hatte heute Vormittag in Mainor zu tun und irgendwie ist mir dort mein Pferd abhanden gekommen."
"Ach, tatsächlich?"
"Ja, tatsächlich. Ein rothaariges Mädchen ist auf ihm davon geritten. Du weißt nicht zufällig, wer das gewesen sein könnte?"
Dana schielte kurz die verräterisch rote Haarsträhne an, die ihr ins Gesicht fiel.
"Ist er denn immer noch abhanden?"
"Nein, er steht putzmunter im Stall."
"Na dann ist doch alles in Ordnung."
"Wir beide wissen doch wer das war. Außerdem haben meine drei Gehilfen dich erkannt."
"Ich hatte es eilig", entschied sie sich für die Wahrheit.
"Dana, du hast es immer eilig. Und natürlich hast du bloß wieder vergessen zu fragen."
Der Sheriff betrachtete sie kopfschüttelnd. "Was soll ich nur mit dir machen?" Er seufzte.
"Ich habe doch nichts schlimmes getan. Thunderstorm ist wieder da und es geht ihm gut."
"Nun, dadurch dass ich mir ein Pferd mieten musste um heimzukommen, sind mir unnötige Kosten entstanden. Außerdem hat er ein Hufeisen verloren, das heißt, ich muss den Hufschmied bemühen, was wiederum Kosten verursacht. Und", er grinste, "das wollen wir nicht vergessen, du hast meine Männer blamiert. Deshalb muss ich dich bestrafen."
Sie senkte den Kopf und sah betreten zu Boden.
"Also, zur Strafe hast du zwei Wochen lang Stalldienst. Und jetzt lauf nach Hause."
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Mit einem Lächeln ging sie zur Tür hinaus. Sheriff Skinner sah ihr ebenfalls lächelnd hinterher. Er wusste, dass der Stalldienst keine wirkliche Strafe für das Mädchen war, so gerne wie sie sich bei den Pferden herumtrieb.
Schon von weitem hörte die vom Sheriff zurückkommende Dana den Lärm aus dem Saloon. Jetzt, am Abend, war die Zeit, in der Hochbetrieb herrschte. Ihre Anwesenheit in der Küche würde verlangt werden. Sie entschied sich, nicht erst um das Gebäude herum zum Hintereingang zu gehen, sondern stieß die zwei hölzernen Flügel der Haupttür auseinander und fand sich sogleich eingehüllt in den Geruch von Zigarettenrauch, Alkohol und Schweiß. Um in die Küche zu kommen, durchquerte sie den großen Raum vorbei an der kleinen Bühne, auf der eine Gruppe Musiker für Unterhaltung sorgte. Die Augen von John Doggett, der an einem Tisch in der Mitte des Raumes saß, folgten dem rothaarigen Mädchen bis hin zum Tresen, an dem sie kurz stehenblieb und sich mit der jungen Frau dahinter unterhielt, ehe sie in die Küche verschwand.
"Ein Prachtmädel, die Kleine", dachte er laut nach. "Das wäre die richtige Frau für mich."
Fox Mulder, der neben seinem Freund am Tisch saß, prustete. Beinahe hätte er den Schluck Whiskey, den er noch nicht hinuntergeschluckt hatte, wieder ausgespuckt.
"Dana? Vergiss es."
"Wieso nicht? Sie ist nicht zimperlich, gebildet und bildschön."
"Eine widerspenstige Göre ist das, sonst nichts. Aber für Männer hat sie sowieso nichts übrig, da vergeudest du deine Zeit. Es ist leichter, einen wilden Mustang zu zähmen, als sie."
"Woher willst du das wissen?" John sah sein Gegenüber mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Hast du es schon mal bei ihr versucht?"
"Gott bewahre, nein. Ich kenne sie bloß schon ein paar Tage länger als du."
Fox und Dana hatten sich schon als Kinder gekannt. Sie war schon immer ein ausgesprochener Wildfang gewesen, der lieber mit den Jungs um die Wette ritt, als mit den Mädchen spielte. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester. Noch bevor Dana laufen konnte, hatte sie schon auf den Pferden ihrer Eltern gesessen. Fox dachte an die unzähligen Reitduelle, die sie sich als Kinder geliefert hatten. Schon damals hatte Dana ihn, wie sie es mit allen anderen ebenfalls getan hatte, mühelos abgehängt. Als die Pferde nach dem Tod ihrer Eltern verkauft worden waren, war das für Dana unerträglich gewesen. Wochenlang hatte sie sich im Stall bei den Reittieren des Sheriffs verkrochen und nicht einmal Melissa an sich gelassen.
"Ich wette mit dir, ich kriege sie rum", riss John den jungen Mann aus seinen Gedanken.
"Na, die Wette nehme ich an." Absolut überzeugt davon, dass dies nicht zu schaffen war, schlug Fox den Einsatz vor. "Mein Pferd dagegen, dass du es schaffst. Und ich liebe mein Pferd."
"Deinen Trusty? Geht klar."
"Okay wenn du es schaffst, gehört dir mein Fuchs, wenn nicht bekomme ich deines."
"Meinen Djacko?"
"Du warst dir doch eben noch sicher, also was ist?"
"Okay."
Die beiden Männer besiegelten ihre Wette mit einem Handschlag.
TBC
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