24 May 2006 @ 10:20 pm
Titel: Diamond Eyes
Autor: Rieke
Spoiler: -
Rating: G-6
Kategorie: MSR, S
Wordcount: 9.121
Disclaimer: Mulder und Scully gehören nicht mir, sie sind geistiges Eigentum von Chris Carter, 20th Century Fox und 1013 Productions.
Alle anderen Personen in dieser Geschichte entspringen meiner Fantasie und sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind ungewollt und rein zufällig.
Short-Cut: Ein sonderbares Licht führt Mulder und Scully in die Abgeschiedenheit der Berge.

Dies ist meine allererste Fanfiction, die ich je geschrieben habe. Seid nett zu ihr. *g*

Hier geht es mir nicht so sehr um Glaubwürdigkeit. Es ist ein Märchen, das ich euch erzählen möchte.

Es geschah im Winter 1999/2000.




Diamond Eyes
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Mulder hatte sich von seiner Gruppe getrennt. Er würde sich ihnen einfach wieder anschließen, noch bevor sie bemerkten, dass er nicht mehr bei ihnen war. Der unwegsame Pfad wurde immer schmäler. Zu seiner Rechten stiegen steile Felswände empor. Links von ihm fiel das Gelände ebenso steil ab. Er achtete nicht darauf. Die Neugier trieb ihn voran. Seine Augen richteten sich suchend geradeaus. Abrupt blieb er stehen. Der Weg endete in einem scharfen Rechtsknick. Hier ging es nicht weiter. Er sah sich um. Nichts als schroffe Felsen und Nadelbäume. Wo er war, das wusste er nicht. Außerdem wurde es schon dunkel. Ein flüchtiger Blick auf seine Armbanduhr sagte ihm das er viel länger allein unterwegs gewesen war, als er vorgehabt hatte. Sein Handy hatte er im Hotelzimmer liegen gelassen. Wie weit hatte er sich von den Anderen entfernt? Er wusste es nicht. Er machte kehrt und lief den Weg in die Richtung zurück aus der er gekommen war. Was blieb ihm auch anderes übrig. Ungefähr 200 Meter weiter gabelte sich der Pfad. Er hatte keine Ahnung welcher der beiden Wege ihn zu den Anderen zurückführen würde. Er hatte nicht auf den Weg geachtet.


Ein seltsam fahles Licht hatte Mulders Aufmerksamkeit erregt. Es war plötzlich im Schatten der Bäume aufgetaucht. Ein schwaches Leuchten in undefinierbaren Farben, irgendwo zwischen weiß, beige und grau. Er hatte sich vergewissert, dass niemand aus der Gruppe ihn beobachtete und sich von ihnen getrennt. Langsam hatte er sich auf das Licht zu bewegt. Aber es war zu weit weg, um etwas Genaueres zu erkennen. Er konnte nur feststellen, dass es ungefähr die Größe eines Menschen haben musste. Dann hatte sich das Licht von ihm weg bewegt und er war ihm gefolgt. Bis zu eben jener Stelle, an der er umdrehen musste.


Er entschied sich für den breiteren der beiden Wege und ging weiter. Inzwischen mussten die Anderen sein Verschwinden längst bemerkt haben. Vermutlich suchten sie schon nach ihm. Wieso hatte er sich bloß dazu verleiten lassen diesem Licht zu folgen? Wieso hatte er sich überhaupt zu dieser Bergtour überreden lassen? In Gedanken versunken streifte sein Blick über den Boden. Unvermittelt blieb er stehen. Ungefähr einen halben Meter vor ihm schimmerte etwas. Er ging in die Knie und hob es auf. Es war ein winziger Stein. Er hatte noch nie einen vergleichbaren Stein gesehen. Es sah aus wie Silber, aber er war transparent wie ein Kristall. Er schien unbearbeitet zu sein, doch er funkelte wie ein Brillant. Vor allem aber war die perfekte kreisrunde Form des Steins ungewöhnlich. Er steckte ihn in seine Jackentasche. Bedrückt sah er zum Himmel. Noch fielen ein paar Sonnenstrahlen durch die Bäume. Ein Knacken über ihm ließ ihn aufhorchen. Und dann sah er es wieder. Das Licht war ein paar Meter über ihm zwischen den Bäumen. Es schien heller zu sein als vorhin. Das lag wohl daran, dass das Tageslicht langsam abnahm. Mulder kniff die Augen zusammen um mehr zu erkennen, aber es blendete ihn. Plötzlich hörte er einen Schuss. Das Licht verschwand. Suchend sah er in die Richtung, aus der seiner Meinung nach geschossen worden war. Aber er konnte niemanden entdecken. Er war überzeugt, dass der Schuss für das Licht bestimmt war. Also kletterte er dorthin, wo es eben noch gewesen war. Er sah sich die Stelle sehr genau an. In einem Baum neben sich fand er schließlich die Kugel. Vorsichtig befreite er sie aus der Rinde und steckte sie zu dem kleinen Stein in die Jackentasche. Er lief zurück nach unten und setzte seinen Weg fort. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke bis oben hin zu. Es war kalt geworden und er begann zu frieren. Wie weit würde es noch bis zu dem befestigten Wanderweg sein, der sein Ziel darstellte? War er überhaupt auf dem richtigen Weg dorthin? Er hörte jemanden rufen. Gleich darauf erklang das Geräusch sich nähernder Schritte. Er lauschte. Wieder rufen. Er erkannte seinen Namen. Fox. Jemand rief nach ihm. Er antwortete und dann sah er die Person auf sich zukommen. Es war ein Mann aus der Gruppe.
"Hi, Pete."
"Hi Fox. Sie haben mich losgeschickt dich zu suchen. Ich kenn mich hier aus."
"Ich sagte doch, ich kann diesen Namen nicht ausstehen. Also nenn mich auch nicht so."
"Tschuldige, aber Mulder zu dir zu sagen kommt mir irgendwie komisch vor."
"Also gut, wenn dir das komisch vorkommt dann sag eben William. Das ist mein zweiter Vorname und immer noch besser als Fox." So wurde er zwar nie von jemandem genannt, aber er hatte keine Lust mit Pete zu diskutieren.
"Geht klar, William. Kommst du nun mit zurück?"
"Okay."


Pete wohnte im gleichen Hotel wie er. Ein äußerst aufdringlicher Mensch. Mulder hatte ihn gleich am ersten Tag seines Aufenthalts hier, an der Hotelbar kennengelernt. Pete erzählte ihm, dass er hier jedes Jahr um diese Zeit seinen Winterurlaub verbrachte. Und dann hatte er angefangen einfach drauflos zu reden. Er vertraute ihm seine ganze langweilige Lebensgeschichte an, erklärte ihm wie trostlos die Stadt war aus der er kam und schwärmte von der Landschaft und den Bergen hier. Mulder war müde gewesen. Außerdem hatte er schon zu viel getrunken und so hatte er sich von Pete dazu überreden lassen diese Tour mitzumachen. Pete war nicht besonders groß, hatte kurze, dunkle Harre und noch dunklere Augen. Er war schlecht rasiert und hielt sich für unwiderstehlich. Das einzig Auffallende an ihm war die Hartnäckigkeit mit der er sein Glück bei wohl jedem weiblichen Wesen, das ihm gefiel, versuchte. Meistens ohne Erfolg. Die meisten Frauen, mit denen er bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, machten einen großen Bogen um ihn. Im Dorf wurde er nur spöttisch "Casanova" genannt.


Pete kannte sich hier wirklich gut aus. Innerhalb von 20 Minuten hatte er sie zu den Anderen zurückgeführt. Mulder musste beim Führer der Gruppe antreten. Er schien sehr verärgert zu sein. Mit versteinerter Miene baute sich der Bergführer vor ihm auf.
"Sieh an, der uns abhanden gekommene Mr. Mulder. Sie können sich wohl nie an die Regeln halten. Was haben sie sich nur dabei gedacht?"
Er antwortete nicht.
"Ihnen ist ihr leichtsinniges Handeln wohl überhaupt nicht bewusst. Wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder machen würde? Einfach abhauen. Wenn Ihnen nun etwas passiert wäre, was dann? Ich dachte, Sie wären ein erwachsener Mann und kein Kindergartenkind, das man ans Händchen nehmen muss und keine 10 Sekunden aus den Augen lassen darf. Offenbar habe ich mich geirrt. Wir werden jetzt wieder ins Tal hinunter wandern. Sie, Mr. Mulder, werden hier vorne bei mir bleiben."
Damit war die Angelegenheit für den Bergführer beendet. Doch mit Mulder sprach er den ganzen Abstieg lang kein Wort mehr.


Das Telefon klingelte. Sie nahm den Hörer ab.
"Scully."
"Hi, ...ist jemand bei Ihnen?"
Die Hintergrundgeräusche die durch den Telefonhörer an Mulders Ohr drangen, irritierten ihn.
"Was dachten Sie denn? Wir machen uns heute einen gemütlichen Abend zu zweit, nur ich und der Videorecorder."
"Keine Arbeit?"
"Nein, Sie haben sich den richtigen Zeitpunkt für Ihren Urlaub ausgesucht. Hier ist nichts los."
"Sie haben also viel Zeit?"
"Mehr als mir lieb ist."
"Und es gibt wirklich nichts zu tun?"
"Worauf wollen Sie hinaus?"
"Ich brauche ihre Hilfe."
"Ich dachte Sie machen Urlaub?"
"Hören Sie zu. Nehmen Sie das nächste Flugzeug und kommen Sie her. Ich reserviere im Hotel ein Zimmer für Sie. Alles weitere erkläre ich Ihnen wenn Sie hier sind."
"Mulder..."
"Besitzen Sie Wanderschuhe? Dann bringen Sie die mit."
Sie vernahm ein Knacken in der Leitung.
"Mulder?"
Aufgelegt.


Mulder lag auf seinem Bett im Hotelzimmer. Sein Blick fixierte den kleinen Nachttisch auf dem die Kugel und der kleine Stein nebeneinander lagen. Der Stein war kaum größer als ein Stecknadelkopf. In Gedanken ließ er die Geschehnisse des heutigen Tages noch einmal Revue passieren. Was war das für ein Licht, das er auf dem Berg gesehen hatte? Warum hatte jemand darauf geschossen? Und wo kam dieser winzige Stein her? Diese Überlegungen beschäftigten ihn noch eine ganze Zeit lang. Doch irgendwann fielen ihm vor Müdigkeit die Augen zu.


Am nächsten Morgen erwachte er aus unruhigem Schlaf. Im Zimmer war es heller als sonst. Er stand auf und ging ans Fenster um der Veränderung auf den Grund zu gehen. In der Nacht war der erste Schnee dieses Winters gefallen. Der Ort lag unter einer dünnen Schneeschicht begraben. Die Zweige der kleinen Sträucher vor dem Fenster bogen sich unter ihrer Last. Mulder kippte das Fenster auf, damit frische Luft hereinkam. Sein Magen gab ihm zu verstehen, dass es Zeit zu Essen war. Er zog sich an und machte sich auf den Weg zum Frühstücksbuffet. Die Türen des großen Speisesaales waren weit geöffnet. Es herrschte bereits rege Betriebsamkeit. Er steuerte den ihm zugewiesenen Tisch an, bestellte sich einen Kaffee und begab sich dann zum reichhaltig ausgestatteten Buffet. Kaum hatte er sich einen Teller geholt da tauchte Pete neben ihm auf.
"Warum bist du gestern eigentlich so plötzlich verschwunden?"
"Da war etwas. Das wollte ich mir genauer ansehen."
"Was denn?"
Mulder ging um ihn herum und bugsierte ein paar Tomaten auf seinen Teller.
"Nichts von Bedeutung."
"Ich will es aber wissen. Nun sag schon."
"Da war ein großes, fahles Licht, dem bin ich gefolgt."
"Hast du sie gesehen?"
"Wen habe ich gesehen?"
"Die Leute hier sagen, dass es da oben ein Mädchen gibt, die etwas mit dem Licht zu tun haben soll. Es hat sie aber noch nie jemand wirklich gesehen."
"Ein Mädchen?"
"Ja, angeblich besitzt sie irgendeinen besonderen Edelstein. Er soll mehr als zwei Millionen Dollar wert sein. Ein hübsches kleines Vermögen."
Pete grinste versonnen und belud seinen Teller mit Wurst und Käse.
"Was ist das für ein Stein?"
"Keine Ahnung, wenn dich das interessiert dann geh doch mal ins Dorfmuseum. Da findest du bestimmt was darüber."
Petes Teller war nun voll beladen. Er verabschiedete sich und ging zurück zu seinem Platz. Froh darüber ihn wieder los zu sein, dachte Mulder über das eben geführte Gespräch nach. Die Bedienung brachte gerade seinen Kaffee, als er sich wieder an seinen Tisch setzte.


Nach dem Frühstück beschloss Mulder einen Spaziergang zu diesem Museum zu machen. Das Hotel lag etwas außerhalb des Ortes. Die Straßen und Fußwege waren hier noch nicht geräumt, so dass er durch den Schnee stapfen musste. Doch je weiter er in den Ort hinein lief, um so weniger wurde der Schnee. Das Museum hatte seinen Standort im Zentrum des Dorfes neben dem Marktplatz. Es war ein kleines, durch seine auffallend violette Farbe nicht zu übersehendes Haus. Die Rolläden an den Fenstern waren heruntergelassen. An der Tür hing ein Schild: "Vormittags geschlossen". Darunter waren die Öffnungszeiten angegeben. Mulder würde erst am Nachmittag hineinkommen. Er schlenderte über den Marktplatz zurück. Wo er nun schon einmal hier war, konnte er sich auch ein wenig im Dorf umschauen. Viel gab es nicht zu sehen. Außer dem Museum gab es eine Kirche, ein Rathaus, mehrere Restaurants, ein Kino und ein paar kleine Läden. Eigentlich war er zum Skifahren hergekommen, aber das Wetter hatte es bisher nicht zugelassen. Auch jetzt war die Schneedecke immer noch zu dünn um die neuen Skier ausprobieren zu können. Nachdem Mulder die Sehenswürdigkeiten des Dorfes ausgiebig betrachtet hatte, machte er sich auf den Weg zurück zum Hotel.


Scully wartete in der Hotelbar. Einige Tische waren besetzt. An der Theke hatte niemand außer ihr Platz genommen. Ein Mann kam in den Raum. Er sah sich um und steuerte dann zielsicher den Barhocker neben ihr an.
"Was darf's sein, Pete?" erkundigte sich der Mann hinter der Theke.
Er bestellte sich ein Bier und sah dann zu Scully.
"Du bist noch nie hier gewesen?"
Sie reagierte nicht.
"Natürlich warst du noch nie hier. Du wärst mir sofort aufgefallen. Eine so schöne Frau wie du und ganz allein."
Sie sah ihn kurz an und musterte sein Gesicht.
"Du hast schöne Augen. Traurige Augen. Ich sehe doch, dass dir etwas fehlt. So schöne Augen sollten nicht so traurig schaun. Glaub mir, ich weiß genau was dir fehlt, Kleines."
Jetzt erst drehte sie sich zu ihm um, sagte aber noch immer kein Wort. Er rückte etwas näher zu ihr und plötzlich schob sich seine Hand auf ihr Knie.
"Ich kann dir geben was du brauchst."
Eine Kellnerin stellte sein Bier vor ihm ab und ging wieder.
"Und ich weiß, was du brauchst", Scully hauchte die Worte mehr als das sie sie sprach.
Betont langsam nahm sie sein noch volles Glas und entleerte es auf seine Hose.
"Eine Abkühlung!"
Erschrocken sprang er auf und sah sie genauso ungläubig wie aggressiv an. Im Raum hörte man unterdrücktes Gelächter. Entsetzt sah er sich um. Offenbar hatten alle das Geschehen verfolgt. Blitzschnell wechselte er die Gesichtsfarbe, erst wurde er blass, dann rot. Beschämt rannte er zur Tür hinaus, wo er beinahe mit Mulder zusammengestoßen wäre. Der bemerkte Petes nasse Hose und grinste. Pete sah an sich herunter, warf Scully einen ärgerlichen Blick zu und stürmte davon. Mulders Grinsen wurde noch breiter. Er ging auf sie zu.
"Passen Sie auf, es ist nass hier."
Er setzte sich auf den trockenen Stuhl rechts von ihr.
"Hat er das ihnen zu verdanken?"
"Sein Tempo war mir ein wenig zu schnell."
"Gratuliere, damit gehört ihnen die Sympathie aller weiblichen Gäste hier."
"Und sie können jetzt damit angeben, das sie mich zu einen Kaffee einladen dürfen."
Er winkte die Kellnerin heran und gab ihr seine Bestellung. Dann wandte er sich wieder Scully zu.
"Schön, dass sie da sind."
"Sagen Sie mir warum ich hier bin."
"Nicht hier. Erstmal trinken Sie ihren Kaffee, ruhen sich ein bisschen aus und dann gehen wir ins Museum."
"In was für ein Museum?"
"Es gibt hier nur eins. Das werden wir uns einmal ansehen."


Auf dem Weg zum Museum zeigte Mulder Scully den kleinen Stein, den er auf dem Berg gefunden hatte.
"Haben Sie so etwas schon mal gesehen?"
"Was ist das?"
"Ich hatte gehofft sie könnten mir das sagen."
"Wo haben Sie das her?"
"Ich habe es auf einem Trampelpfad in den Bergen gefunden."
Sie sah ihn verständnislos an. Er erzählte ihr von seinem Ausflug in die Berge, abgesehen von ein paar Details, die er verschwieg. Er erzählte von dem Licht, das er gesehen hatte, davon wie jemand auf das Licht geschossen hatte. Auch sein Gespräch mit Pete erwähnte er. Sein Bericht endete erst als sie vor der Tür des Museums ankamen. Scully gab ihm den Stein zurück und drückte die Türklinke herunter.


In der Eingangshalle stand ein Tisch über dem ein Schild "Kasse" hing. Dort wurden Mulder und Scully von einer Dame mittleren Alters freundlich begrüßt. Sie stellte sich als Miss Anne Carr vor, die Eigentümerin des Museums. Mulder bemerkte, dass es in den Räumen sehr leise war, obwohl fast alle Türen offen standen.
"Wir scheinen die einzigen Besucher hier zu sein."
"Ja." Miss Carr seufzte. "Die Geschäfte laufen nicht besonders gut. Wissen Sie, die jungen Leute gehen lieber anderen Vergnügungen nach. Ein Museum ist für sie etwas furchtbar langweiliges. Wir haben hier einfach nichts was die Leute anzieht. Uns fehlt eben das Besondere, das sich die Touristen anschauen würden." Sie lachte.
"Und trotzdem können Sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen?"
"Nein, Mister. Um davon Leben zu können bringt der Laden zu wenig ein. Sind Sie schon am Kino vorbeigekommen? Es gehört meinem Bruder Jason und mir. Es wirft weit mehr Ertrag ab, als dieses Museum, ich kann mich nur nicht dazu durchringen mich von alledem hier zu trennen. Wissen Sie, ich hänge sehr an den Ausstellungsstücken. Während sie redete trat ein groß gewachsener Mann durch die Haustür. Ein knappes "Guten Tag" war alles was er zu sagen hatte, bevor er schnell durch eine Tür mit der Aufschrift "Privat" schlüpfte.
"Mein Bruder." Miss Carr machte ein entschuldigendes Gesicht. "Er ist ein bisschen scheu."


Mulder und Scully streiften durch die wenigen Räume. Mal mehr mal weniger interessiert studierten sie die Bilder und sonstigen Ausstellungsstücke. Scully fand verschiedene Berichte von Leuten aus dem Ort, die von einem seltsamen Licht in den Bergen erzählten. Dazwischen war auch das Schreiben eines in dieser Gegend bekannten Wissenschaftlers, der einen einzigartigen Edelstein gesehen haben wollte. Er schilderte, dass er sich zu Forschungszwecken oben in den Bergen aufhielt und schließlich im Wald den Stein liegen sah. Da er zufällig seine Kamera dabei hatte machte er ein paar Fotos, von denen wie sich hinterher herausstellte nur eines den Stein erkennen ließ. Um ihn genauer zu untersuchen, wollte er den Stein an sich nehmen. Doch da blendete ihn ein helles Licht. So grell, dass er die Augen schließen musste um sie zu schützen. Als er die Augen wieder aufmachte war von dem Stein nichts mehr zu sehen, das Licht war fort. Scully war bald völlig darin vertieft die Berichte zu lesen. Mulder blieb fasziniert vor einem großen, schwarzweißem Ölbild stehen. Es zeigte eine silbern schimmernde Rose. Er winkte Scully zu sich, und bedeutete ihr den Text unter dem Bild zu lesen:

Vor langer Zeit lebte in diesem Tal ein Mädchen. Sie war eine ausgesprochene Schönheit. Niemand wusste woher sie kam. Tagsüber war nichts auffälliges an ihr, doch sobald es dunkel wurde war sie von einem merkwürdigen Licht umgeben. Man erzählte sich sie sei ein Wesen aus einer anderen Welt, das eine Zeit lang von ihrem Herrn und Gebieter auf die Erde geschickt wurde um sie kennen zu lernen. Einst verliebte sie sich in einen jungen Mann. Doch das Herz dieses Mannes gehörte bereits einer Anderen. Aus Eifersucht zerstörte sie diese Liebe. Doch alles was sie erreichte war ein gebrochenes Herz seitens des Mannes, der sie von nun an verachtete. Sie wurde ungehorsam und vernachlässigte ihre Pflichten. Alles zusammengenommen erzürnte ihren Herrn so sehr, dass er sie mit einem Bann belegte. Er verwehrte ihr die Rückkehr in ihre Welt und verdammte sie zu einem Leben hoch oben in den Bergen. Wenn sie sich ins Tal hinunter wage, wäre das ihr Ende. Doch auch sie sollte die Chance haben ihr Schicksal zu wenden. Er gab ihr eine steinerne Rose. Dies ist die Blüte der Sehnsucht. Über sie führt der einzige Weg um den Bann zu lösen. Bringe sie zum glühen. Es wird dir nur mit menschlicher Hilfe gelingen. Denn wisse, nur die Glut zweier liebender Herzen kann die Flamme der Rose entzünden. Erst wenn die Blüte in den Farben der Liebe strahlt ist der Bann gebrochen. Dann erst wirst du frei sein und dorthin zurückkehren können, wo deine Heimat ist.

Mulder starrte gedankenverloren auf das Bild.
"Sie wird dort oben sehr einsam sein."
"Sie glauben diese Geschichte doch nicht etwa?"
"Warum nicht? Okay, nicht alles, aber an solchen Geschichten ist meistens etwas Wahres dran."
"Mulder, für mich klingt das wie ein Märchen, und nicht wie etwas das Wirklichkeit sein könnte."
Mulder deutete auf eine kleine Fotografie an der Wand. In der unteren rechten Ecke des Fotos erkannte Scully den Namen des Wissenschaftlers aus dem Bericht wieder. Es war eine undeutliche Abbildung eines durchsichtigen Steins. Seine Form, eine Rosenblüte, war kaum zu erkennen. Das was auf dem Bild als Edelstein ausgegeben wurde konnte genauso gut etwas ganz anderes sein. Darunter hing eine kleine Tabelle die über geschätzte Größe, Karat, und Wert des Steins Auskunft gab. Die Tabelle verriet auch das weder über die Herkunft noch über die Art des Steins etwas bekannt war.
"Geschätzter Wert 2,4 Millionen Dollar." Mulder sah Scully ernst an.
"Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es jemanden gibt der alles tun würde um diesen Stein zu bekommen."


Gleich nach dem Frühstück am nächsten Morgen brachen sie auf, das Licht zu suchen. Allerdings nicht bevor Mulder sich mehrmals vergewissert hatte, dass er sein Handy eingesteckt hatte. Noch versteckte die Sonne sich halb hinter dem Gebirge und warf lange Schatten über das Tal.
"Und da wollen Sie mich rauf schleppen?"
Skeptisch betrachtete Scully den Berg auf den Mulder gezeigt hatte.
"Wollen Sie nicht wissen, was es mit dem Stein auf sich hat und wer das Mädchen ist?"
"Wir wissen weder ob dieses Mädchen noch der Stein überhaupt existieren."
"Ich habe sie gesehen, Scully."
"Mulder, Sie haben ein Licht gesehen und sonst nichts."
"Okay, ich habe ein Licht gesehen, aber jemand hat darauf geschossen. Irgend etwas ist da oben und es ist vielleicht in Gefahr."
Scully wusste, dass es keinen Sinn hatte ihn von seinem Vorhaben abbringen zu wollen. Und ein bisschen Abwechslung konnte nicht schaden. Die Bewegung und die frische Luft würden ihr sicher guttun. Also fügte sie sich seinem Willen. Gemeinsam begannen sie den Aufstieg.


"Da vorne ist eine Bank. Lassen Sie uns einen Moment ausruhen."
Sie waren nun schon seit mehreren Stunden unterwegs. Ungefähr auf halber Höhe des Berges brauchte Scully eine Pause. Mit beiden Händen schoben sie den Schnee von der Bank. Da sie sich nicht ins Nasse setzten wollte, trocknete Scully das Metall so gut es ging mit einem Taschentuch ab. Sie setzten sich nebeneinander auf die Bank. Von hier aus konnte man das gesamte Tal überblicken. Der weiße Schnee glitzerte in der Sonne. Er verlieh dem Tal etwas Faszinierendes.
"Sieht es dort unten nicht herrlich aus?"
Mulders Blick schweifte bewundernd über das Tal.
"Wenn es da unten so schön ist, weshalb sind wir dann hier oben?"
"Manchmal kann man erst aus der Ferne betrachtet wirklich erkennen, was man von Nahem nicht sehen konnte. Weil man zu dicht dran war."
Er sah sie mit einem Blick an, der jedes andere weibliche Herz zum schmelzen gebracht hätte, aber Scully war nicht wie die Anderen. Sie ließ sich zu keiner Antwort verleiten, betrachtete nur noch einen Moment das weiße Tal und stand dann auf.
"Wir sollten weitergehen, wenn wir heute noch da rauf wollen."


Kurz nach Mittag erreichten sie die Stelle, wo Mulder das Licht zum ersten Mal gesehen hatte. Sie liefen ein Stück in den Wald hinein, aber nur so weit, dass sie ohne Schwierigkeiten wieder herausfinden konnten. Systematisch durchkämmten sie das Gebiet, bis Scully des Suchens müde wurde.
"Mulder, hier ist nichts."
"Es war hier, ich weiß es."
"Und jetzt ist es nicht mehr hier. Lassen Sie uns umkehren."
Mulder sah ein, dass sie hier nichts finden würden. Es sprach nichts dagegen zurückzugehen. Sie waren noch nicht wieder ganz aus dem Wald heraus, da zog heftiger Wind auf. Er blies ihnen eisig ins Gesicht. Es begann zu schneien. Anfangs nur leicht, doch innerhalb weniger Minuten wurde der Schneefall so stark, dass es ihnen vorkam, als würde sie eine weiße Mauer umringen. Dicke, schwere Flocken fielen vom Himmel. Mulder und Scully rannten aus dem Wald auf den freien Weg, damit sie sich orientieren konnten. In ihrer Eile übersah Scully eine hervorstehende Baumwurzel. Sie stolperte und fiel zu Boden. Zum Glück war die Schneedecke weich und inzwischen hoch genug, so dass ihr nichts Schlimmeres passierte. Einen Augenblick blieb sie im Schnee liegen, rappelte sich dann jedoch wieder auf. Als sie wieder fest auf beiden Beinen stand merkte sie, dass sie allein zurückgeblieben war. Mulder hatte ihren Sturz nicht gleich bemerkt und war weiter gelaufen.
"Mulder?"
Durch den dichten Schneefall konnte sie ihn nirgends entdecken. Noch einmal rief sie nach ihm, dieses Mal etwas lauter.
"Mulder, wo sind Sie?"
"Ich bin hier, Scully."
"Ich kann Sie nicht sehen."
"Orientieren Sie sich an meiner Stimme."
Langsam ging sie in die Richtung in der sie ihn vermutete. Ihren Namen rufend, ging er ebenfalls auf sie zu. Nur schemenhaft konnte er ihre Gestalt erkennen.
"Geben Sie mir ihre Hand."
Sie streckte den Arm nach ihm aus. Sofort wurde ihre zitternde Hand von ihm ergriffen.
"Ist alles in Ordnung?"
Erst jetzt nahm sie wahr, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie erklärte Mulder, dass mit ihr alles in Ordnung war und dass sie lediglich frieren würde.
"Okay, wir werden dort oben hin laufen."
"Wieso weiter bergauf?"
"Es war da, Scully. Das Licht. Ich habe es wieder gesehen. Es war da oben."
"Wie können sie das bei diesem Schneetreiben gesehen haben?"
"Glauben Sie mir einfach. Es war da."
Also stapften sie weiter hinauf. Mühsam kämpften sie sich voran. Damit sie sich nicht wieder aus den Augen verlieren konnten, hielt Mulder Scullys Hand fest umklammert. Mehr oder weniger ließ sie sich von ihm den Berg hinauf ziehen. Außer Atem erreichten sie die Stelle, an der Mulder das Licht gesehen zu haben glaubte. Auch dieses Mal fanden sie nicht den Hauch einer Spur.
"Vielleicht haben Sie sich das nur eingebildet."
"Nein Scully, ich bin mir ganz sicher. Ich habe mich nicht geirrt."
"Ich sehe hier nichts."
"Vielleicht wollte das Licht auch einfach nur, dass wir hier her kommen?"
"Sie meinen es hat uns absichtlich her geführt?"
Scully verdrehte die Augen. Doch Mulder schien davon überzeugt zu sein, dass es hier etwas gab, worauf sie aufmerksam gemacht werden sollten.
"Gehen wir noch ein Stück."
Sie seufzte, ließ sich dann aber ohne Einwände von ihm weiterziehen. Eisige Windböen schlugen ihnen Schneeflocken ins Gesicht. Mulder blieb stehen.
"Scully. Sehen Sie das?"
"Was?"
"Da vorne."
Er zeigte mit dem Finger darauf, aber sie sah nichts außer dem Schnee, der wild vor ihren Augen herum wirbelte.
"Was ist da?"
"Ich erkenne auch nur Umrisse. Es ist groß und dunkel."
"Ein Felsen?"
"Nein, dafür ist es zu geometrisch."
Es dauerte eine Weile, bis sie sich nahe genug heran gekämpft hatten, um herauszufinden was vor ihnen lag. Mulder erkannte es als Erster. Sie näherten sich einer alten Holzhütte. Als schließlich auch Scully bewusst wurde worauf sie sich da zu bewegten, begannen beide gleichzeitig zu rennen. Durchgefroren und nass vom Schnee kamen sie an der Hütte an. Glücklich darüber endlich eine Zuflucht vor Schnee und Wind gefunden zu haben, atmeten sie erleichtert auf.


Die Tür war verschlossen. Mulder klopfte dagegen. Nichts rührte sich. Scully spähte durch ein kleines Fenster neben der Tür ins Innere der Hütte. Es schien niemand dort zu sein.
"Und was jetzt?"
"In alten Filmen ist der Schlüssel immer unter der Fußmatte versteckt."
"Fehlanzeige, keine Fußmatte."
"Oder unter dem Blumenkübel."
"Es gibt hier auch keinen Blumenkübel."
"Vielleicht gibt es hier einen Hintereingang?"
Mulder lief um die Hütte herum. Scully folgte ihm widerwillig. Natürlich gab es keinen Hintereingang. Auf der anderen Seite der Hütte war das Dach tief heruntergezogen, so dass es einem riesigen Stapel Holz Schutz vor Nässe gab. Über das Dach verlief eine provisorische Regenrinne, deren Ende auf eine große Plastiktonne zuführte. Mulder warf Scully einen vielsagenden Blick zu.
"Ich hebe die Tonne hoch und sie sehen nach ob der Schlüssel darunter ist."
Die Tonne war voller Schnee und deshalb relativ schwer. Mulder hob sie ein kleines Stück an, gerade so viel, dass Scully ihre Hand darunter schieben konnte. Suchend tastete sie den Boden ab. Sie stieß auf etwas Hartes und zog es hervor. Schnell stand sie wieder auf und hielt Mulder einen Schlüssel entgegen.
"Hoffen wir, dass er passt."


Sie öffneten die Tür und traten ein. Es schien als wäre schon seit längerem niemand mehr hier gewesen. Die Hütte bestand aus zwei spärlich möblierten Zimmern. Ein großes Zimmer in dem Mulder und Scully standen. In einer Ecke gab es einen Tisch mit dazu passenden Stühlen. An der Wand standen zwei Schränke, die sich nur durch ihre Größe voneinander unterschieden. Darüber hinaus gab es nur noch eine abgewetztes Couch unweit einer Feuerstelle. Neben der Feuerstelle lagen ein paar Holzscheite und jede Menge alte Zeitungen. Eine Tür führte von dem großen in ein kleineres Zimmer. An jeder Außenwand gab es ein Fenster mit provisorischen Vorhängen. Es gab keinen Strom und kein fließendes Wasser. Scully zog ihre nasse Jacke aus und hängte sie zum Trocknen über einen der Stühle. Mulder tat es ihr nach. Es war kalt hier drinnen. Neben der Feuerstelle fand Mulder eine Schachtel mit Streichhölzern. Unschlüssig wiegte er sie in seiner Hand hin und her. Scully nahm ihm die Schachtel aus der Hand.
"Lassen Sie mich das machen. Durchsuchen Sie lieber die Hütte nach etwas Essbarem. Mir knurrt der Magen."
Sofort machte er sich daran sämtliche Schranktüren und Schubladen zu öffnen. Er fand ein paar Konservendosen, ein Päckchen Ein-Tassen-Teebeutel, Besteck und zu seiner Zufriedenheit auch einen Dosenöffner. Einen Topf, oder etwas, das man als solchen benutzen konnte, fand er nicht. Er ging zu Scully zurück, die inzwischen das Holz zum brennen gebracht hatte, und zeigte ihr seinen Fund.
"Nach dem Verfalldatum zu schließen, müssten sie noch genießbar sein."
Scully las die Zubereitungsanweisungen auf einer der Dosen.
"Dann fehlt uns jetzt nur noch Wasser zum Kochen."
Er dachte kurz nach und lief zu einem der Schränke. Er kramte etwas daraus hervor und ging nach draußen. Scully sah ihm hinterher. Mit einem großen Becher und zwei Tassen voller Schnee kam er zurück. Ein beifallheischendes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Er stellte den Becher und die Tassen neben das Feuer damit der Schnee schmelzen konnte. Scully hatte gerade vergeblich versucht die Dose aufzubekommen. Mulder nahm ihr Dose und Dosenöffner ab. Er öffnete die Dose und gab sie ihr wieder. Sie hatte eiskalte Hände. Obwohl das Feuer mittlerweile eine angenehme Wärme verbreitete, bemerkte Mulder das Scully immer noch leicht zitterte. Während sie das mittlerweile geschmolzene Schneewasser in die Dose goss und je einen Teebeutel in die Tassen hängte, betrachtete er sie sorgenvoll. Die nassen Haare klebten an ihr. Ihre Kleidung war völlig durchnässt. Er selbst war im Gegensatz zu ihr nur wenig nass geworden. Seine wasserdichte Jacke hatte gehalten was sie versprach. Er sah sich noch einmal in der Hütte um. In den Schränken hatte er nichts außer Geschirr, Besteck, ein zerlumptes Geschirrhandtuch und ein paar Kerzen gefunden. Er ging in das kleine Zimmer in dem sich ein Bett, eine Truhe und ein Hocker befanden. In einer Schüssel auf dem Hocker lag ein Stück Seife. Mulders Blick fiel auf die Truhe neben dem Bett. Sie war nicht verschlossen. Er öffnete den schweren Holzdeckel. In der Truhe waren ein Bettlaken, Bezüge für Bettdecke und Kopfkissen sowie eine Wolldecke. Er holte die Wolldecke heraus und ging damit zu Scully. Sie kniete mit dem Rücken zu ihm vor dem Feuer. Inzwischen hatte sie ihren durchnässten Pullover ausgezogen. Er lag ausgebreitet in der Nähe des Feuers. Ihr weißes T-Shirt war glücklicherweise einigermaßen trocken geblieben. Mulder trat hinter sie, legte ihr wortlos die Decke um die Schultern und setzte sich neben sie auf den Boden. Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln und wickelte sich in die Decke ein. Das Essen war fertig. Sie stellten die Dose zwischen sich und verzichteten darauf Teller zu benutzen. Hungrig leerten sie die Dose bis auf den letzten Rest.


Mulder stand am Fenster und starrte hinaus. Der Wind hatte sich ein wenig gelegt. Es fielen nur noch ein paar vereinzelte Schneeflocken vom Himmel. Doch mittlerweile war es draußen sehr dunkel. An eine Rückkehr ins Tal war nicht zu denken. Sie würden die Nacht über hier bleiben müssen. Mulder zog den Vorhang zu. Das Feuer knisterte behaglich. Der flackernde Schein des Feuers malte tanzende Schatten auf Scullys Gesicht, die auf der Couch eingeschlafen war. Mulder durchquerte leise den Raum und ließ sich auf dem Boden vor der Couch nieder, so dass sein Gesicht fast auf einer Höhe mit ihrem war. Eine ganze Weile saß er einfach nur so da und betrachtete sie. Doch irgendwann wurde es ihm unmöglich der Versuchung sie zu berühren zu widerstehen. Zärtlich strichen seine Finger über ihre Wange, immer darauf bedacht sie nicht zu wecken. Denn tief in seinem Herzen schwang die Angst mit, dass ihr seine Berührung missfallen könnte, dass sie es nicht wollte. Ihre Freundschaft bedeutete ihm alles und er wollte sie nicht durch seine törichten Gefühle verlieren. Sie vertraute ihm blind. Dieses Vertrauen wollte er um keinen Preis der Welt aufs Spiel setzten. Manchmal wenn sie ihn ansah erschien es ihm, als könne er Zuneigung in ihren Augen entdecken. Doch im nächsten Moment sah sie ihn wieder an wie immer, so dass er sich fragte ob er sich alles nur eingebildet hatte. Mulders Blick glitt über Scullys Gesicht. Plötzlich öffnete sie die Augen. Die großen, blauen Augen blickten ihn verwundert an. Seine Finger streichelten weiter ihre Wange. Er war außerstande seine Hand von dort wegzunehmen. Er lächelte sie an. Zu seiner Erleichterung lächelte sie zurück. Für einen kurzen Moment senkte sie die Lider. Mulders Blick wanderte von ihren Augen über ihre Wange bis hin zu ihrem Mund, woran er schließlich haften blieb. Mit einem Male waren alle Zweifel wie weggewischt. In seinem Kopf gab es nur noch einen Gedanken. Ganz langsam verringerte sich der Abstand zwischen ihnen. Unaufhaltsam näherte er sich ihr. Scullys Lächeln verschwand. Doch er ließ sich nicht beirren. Fast hatte sein Mund ihre Lippen berührt, als ein ohrenbetäubender Knall die Stille zerriß. Mulder und Scully zuckten erschrocken zusammen. Scully setzte sich auf. Mulder lief zum Fenster.
"Was war das?"
"Es klang wie ein Schuss."
Da er durch das Fenster nichts hatte erspähen können, lief er zur Tür hinaus. Er nahm sich nicht die Zeit etwas Überzuziehen. So schnappte sich Scully seine fast schon trockene Jacke und folgte ihm.


Mulder und Scully fanden schnell die Stelle von der die Gefahr ausging. Ein Lichtstrahl der durch die Bäume fiel hatte ihr Interesse geweckt. Und kurze Zeit später sahen sie sie. In einiger Entfernung, doch zum ersten Mal nahe genug um sie zu erkennen stand eine von Licht umgebene, weibliche Gestalt. Sie stand sehr aufrecht. Ihre blonden Haare flatterten ebenso wie ihr langes Kleid im Wind. Mit großem Abstand stand ihr ein Mann gegenüber. Er zielte mit einer Waffe auf sie. Scully erkannte, dass sich ihr Arm in etwas verfangen hatte, so dass sie nicht fliehen konnte. Sie trennte sich von Mulder und ging leise auf die Gestalt zu. Mulder nahm sich den Mann vor und richtete seine Waffe auf ihn.
"Waffe weg!"
Erschrocken sah der Mann zu Mulder. Es war zu dunkel und der Mann zu weit weg um ihn erkennen zu können.
"Lassen Sie die Waffe fallen!"
Seine Waffe zielte immer noch auf die lichtumflutete Gestalt. Für einen Augenblick schien er zu überlegen. Langsam senkte er die Waffe. Doch als Mulder auf ihn zuging überkam ihn die Panik. Mit einem Satz sprang er zur Seite zwischen die Bäume. Er rannte davon, in den Wald hinein. Mulder nahm sofort die Verfolgung auf.


Scully hatte inzwischen die leuchtende Gestalt erreicht. Diese war in die Knie gesunken und damit beschäftigt die Schlinge um ihren Arm zu lösen. Sie hörte Scully auf sich zukommen, wandte sich aber nicht von ihrem Arm ab.
"Keine Angst."
Scully sagte es mehr weil sie das Gefühl hatte irgendwas sagen zu müssen und um die Kniende nicht zu erschrecken. Sie erfasste die Schlinge und löste sie mit wenigen Handgriffen. Mit dem Rücken zu Scully stand das Mädchen auf. Ruhig drehte sie sich zu ihr um. Was sie sah verschlug Scully einen Moment lang die Sprache. Sie sah in ein fahlgraues Augenpaar. Ein Augenpaar wie sie noch nie zuvor ein Ähnliches gesehen hatte. Die schwarze Pupille hob sich deutlich von der hellen Iris ab. Sie fühlte sich an zwei geschliffene Diamanten erinnert. Denn sobald sich die Augen bewegten funkelten sie in allen Farben des Regenbogens. Das Mädchen war kaum größer als Scully selbst. Sie erschien sehr jung. Dem Aussehen nach durfte sie kaum über 20 sein, obwohl sie sehr viel älter sein müsste. Sie trug nichts weiter als ein dünnes, weißes Kleid. Das Dekolleté war übersät mit winzigen, silbern glitzernden Steinen, die in sternförmigen Linien auseinanderliefen. Sie mündeten in zwei weiße Spaghettiträger. Scully wunderte sich, dass sie nicht im Mindesten zu frieren schien.
"Ich habe keine Angst vor Ihnen. Im Gegenteil. Ich brauche Ihre Hilfe."


Mulder hatte den Mann nicht einholen können. Ebensowenig hatte er ihn erkannt. Mulder kannte sich in diesem Wald nicht aus, noch dazu war es Nacht. Der Mann dagegen schien genau zu wissen wo er hin lief und war ihm so entkommen. Unverrichteter Dinge war er zu Scully und dem sonderbaren Mädchen zurückgeeilt. Da Scully es draußen für zu kalt befunden hatte saßen sie nun zu dritt in der Hütte. Mulder rückte sich einen Stuhl an die Couch auf der die beiden Frauen saßen. Die Unterhaltung mit dem Mädchen führte Scully. Mulder hörte nur zu.
"Warum denken Sie, wollte dieser Mann Sie erschießen?"
"Ich denke nicht, dass er mich wirklich erschossen hätte. Er wollte mir nur Angst machen."
"Hat er das schon einmal getan?"
"Er kommt immer wieder. Jede Nacht. Er wird auch Morgen Nacht wieder kommen. Manchmal sind sie zu zweit, aber meistens ist er allein. Er kommt nur wenn es dunkel ist. Dann bin ich am einfachsten zu sehen, er dafür um so schwerer."
"Wissen Sie, warum er das tut?"
"Er will etwas, was ich ihm nicht geben kann, etwas von dem nur ich weiß wo es ist. Aber solange er es nicht hat kann er mich auch nicht erschießen."
"Geht es um den Stein?"
"Ja, aber er kann ihn unmöglich haben. Ich brauche ihn. Und darum benötige ich ihre Hilfe. Helfen Sie mir diesen Mann zu fassen."
"Sie können sich auf uns verlassen", mischte sich Mulder ein. "Wir werden Ihnen helfen. Aber eins möchte ich noch wissen. Haben Sie auch einen Namen?"
"Nennen Sie mich Lehlique." Zum ersten Mal lächelte sie.
"Lehlique? Ist das französisch? Es klingt ein bisschen so."
"Nein. Es ist kein irdisches Wort."


Es war schon weit nach Mitternacht. Mulder saß völlig in Gedanken versunken an dem kleinen Holztisch. Lehlique schlief neben Scully auf der Couch. Scully, die kurz eingenickt war wachte eben wieder auf. Sie schaute zu Lehlique, die im Schlaf an die Kante der Couch gerutscht war. Wenn sie noch ein Stückchen weiter rutschte würde sie herunterfallen. Scully packte sie vorsichtig am Arm und schob sie zurück. Der Arm fühlte sich merkwürdig an. Die Oberfläche war kalt, Spiegelglatt und hart wie Stein. Scullys Blick fiel auf das Handgelenk des Mädchens. Zahllose winzig kleine Steine legten sich in Form einer Rose um das Gelenk. Es war die gleiche Art von Steinen die auch ihr Kleid zierten und wie der den Mulder vor drei Tagen gefunden hatte. Anfangs hatte sie es für ein Armband gehalten, doch nun sah sie, dass die Steine offenbar mit Lehlique verwachsen waren. Scully starrte zu Mulder, der vom Tisch aufblickte.
"Was ist?"
"Mulder sie... ihr Arm... es fühlt sich nicht an wie menschliche Haut. Eher so wie..."
"So wie ein Edelstein?"
"So wie ein Edelstein."
"Scully, ich sage Ihnen. Sie ist der Stein."
"Mulder, das ist unmöglich."
"Sie oder zumindest ein Teil von ihr ist der Stein. Sehen Sie sich doch nur mal ihre Augen an. Das sind nicht die Augen eines Menschen. Und Sie haben eben gerade selbst gesagt, dass sie sich nicht wie ein Mensch anfühlt. Sie ist der Stein."
Er verstummte als Lehlique aufwachte. Der verwirrte Blick mit dem Scully sie ansah irritierte sie etwas. Unsicher entschuldigte sie sich dafür, dass sie wohl einfach so eingeschlafen war. Sie wäre die letzten Nächte wach gewesen und deshalb fehlte ihr der Schlaf. Scully versicherte ihr, dass es keinen Grund gab sich zu entschuldigen. Sie sei sicher sehr müde.
"Im Zimmer nebenan gibt es ein Bett. Da können Sie sich gerne hineinlegen. Dort hätten Sie ihre Ruhe."
"Das ist nett von Ihnen, aber ich will nicht, dass Sie wegen mir auf der Couch schlafen müssen."
"Seien Sie unbesorgt. Ich bleibe lieber hier in der Nähe des Feuers. Mir ist es nebenan zu kalt. Aber Ihnen scheint Kälte ja nichts auszumachen."
Als Antwort lächelte sie nur. Sie bedankte sich noch einmal bevor sie die Tür zu dem kleinen Raum hinter sich ins Schloss fallen ließ.


Graue Wolken verdunkelten den Himmel. Schwer wie Blei hingen sie über dem Gebirge. Die Sonne war nirgends zu sehen. Hin und wieder fiel eine kleine Schneeflocke auf den Boden. Der Tag schien die Dunkelheit der Nacht nicht recht besiegen zu können. Es war zwar noch relativ früh am Morgen, doch es wurde und wurde nicht wirklich hell. Mulder und Scully erkundeten die Gegend. Die Hütte stand auf ebenem Gelände. Sie befand sich in einer Waldlichtung auf einer Art Plateau. Dahinter türmten sich im Halbkreis steile Felswände zum Gipfel empor. In entgegengesetzter Richtung ging es abwärts in den Wald hinein. Mulder und Scully waren jetzt keine 100 Meter links oberhalb der Hütte. Vor der riesigen Felswand befand sich eine Gruppe kleinerer Felsen. Durch eine breite Spalte zwischen zwei Steinen gelangten sie in eine Art natürlichen Kessel. Ein fast kreisrunder freier Platz umgeben von Felsgestein. Der Raum war klein und mit wenigen Schritten zu durchqueren. Scully fand einen Felsen, der kleiner war als die Anderen die den Kessel bildeten. Er war gerade so groß, dass sie darüber hinweg sehen konnte. Sie konnte die Hütte sehen und einen großen Teil des Waldes überblicken. Auch sah sie die Stelle wo sie Lehlique gefunden hatten.
"Was glauben Sie. Wer könnte auf Lehlique geschossen haben?"
Mulder kam zu ihr und registrierte die Aussicht. Er sah in die Richtung in die Scully wies.
"Fest steht das es ein Mann war. Jemand, der von diesem Stein weiß und von dessen Existenz überzeugt ist. Erinnern Sie sich an Pete? Er hat den Stein und seinen Wert mir gegenüber erwähnt."
"Pete? Das kann ich mir nicht vorstellen."
"Und er kennt sich hier sehr gut aus."
"Nein, Mulder. Pete hat vielleicht eine große Klappe, aber da ist nichts dahinter, glauben Sie mir. Außerdem dürfte es schwer sein den Stein zu verkaufen und zu Geld zu machen."
"Ich glaube nicht, dass das ein Problem ist. Wenn man weiß wo man suchen muss findet sich auch dafür ein Käufer. Aber vielleicht haben Sie eine bessere Idee."
"Ob sie Besser ist weiß ich nicht, aber muss denn unbedingt ein Mann dahinterstecken? Lehlique sagte sie wären auch schon zu zweit gewesen, das heißt es gibt noch einen Komplizen. Könnte das nicht auch eine Frau sein und der Schütze von gestern erledigt sozusagen nur die Drecksarbeit für sie."
"Haben Sie einen bestimmten Verdacht in diese Richtung?"
"Ich denke diese Miss Carr könnte Interesse an dem Stein haben."
"Die, der das Museum gehört?"
"Ja, mit dem Stein hätte sie ihre Attraktion um Massen von Besuchern anzulocken."
"Im Prinzip könnte es jeder der an den Stein glaubt gewesen sein. Bedenken Sie nur seinen Wert. Geldgier lässt viele Menschen Dinge tun, für die man sie nicht fähig gehalten hätte."
Als sie am späten Vormittag zur Hütte zurückkehrten stellten sie fest, dass Lehlique noch schlief. Da Mulder Hunger verspürte begannen sie sehr leise mit den Vorbereitungen für das Mittagessen.


Lehlique verschlief auch den Mittag und den frühen Nachmittag. Mulder und Scully waren sich einig sie nicht zu stören und sie ausschlafen zu lassen. Mulder war hinaus gegangen um neues Brennholz herein zu holen. Da die Streichholzschachtel die Mulder gefunden hatte fast leer war, durchsuchte Scully das Zimmer nach Streichhölzern. Schließlich wurde sie in einer Schublade unter dem Tisch, die sie vorher noch gar nicht bemerkt hatte, fündig. Zufrieden holte sie die Schachtel hervor und machte die Schublade wieder zu. Dabei fiel ihr Blick auf den Boden. Sie stellte fest, dass etwas neben einem der Stühle lag. Es war Mulders Brieftasche. Sie musste aus seiner Jacke gefallen sein. Als Scully die Brieftasche aufhob, fiel etwas heraus. Es war ein kleines Passbild von Mulder. Sie hob es auf und betrachtete es kurz, doch für den aufmerksamen Beobachter vielleicht eine Spur zu lang. Manchmal, wenn sie sich so wie jetzt unbeobachtet fühlte, lag etwas wie Sehnsucht in ihren Augen. Eine Sehnsucht die sie sich selbst nicht eingestehen wollte und die trotzdem immer da war. Sie steckte das Bild dorthin zurück, wo es hingehörte und klappte die Brieftasche zu. So vorsichtig als fürchtete sie etwas zu zerbrechen. Von draußen hörte sie das Mulder gleich hereinkommen würde. Schnell steckte sie die Brieftasche in seine Jackentasche und wandte sich wieder den Streichhölzern zu. Unbemerkt hatte Lehlique die Tür zum Nebenraum einen Spalt breit geöffnet. So konnte sie alles verfolgen was Scully tat. Es war ihrem Geschick zuzuschreiben das Scully Mulders Bild in die Hände gefallen war. Ganz leise zog sie die Tür wieder zu. Sie hatte gesehen was sie sehen wollte. Über Mulders Gefühle hatte sie sich bereits letzte Nacht, als er die schlafende Scully streichelte, Gewissheit verschafft. Ja, Lehlique war hier gewesen. Von draußen hatte sie durch eines der Fenster das Geschehen in der Hütte beobachtet. Doch dann war dieser Störenfried wieder aufgetaucht und sie hatte fliehen müssen. Lehlique betrachtete ihn als unangenehmes doch erträgliches Übel. Aber so langsam wurde sie es leid dauernd vor ihm davonzurennen. Sollte eine Kugel aus seiner Waffe sie wirklich einmal treffen, so würde sie nur geringe Spuren hinterlassen. Die Kugel würde sie keineswegs verletzen. Lehlique hielt es jedoch von Vorteil dieses Wissen für sich zu behalten. Schließlich war der Schütze und die vermeintliche Gefahr in der sie sich durch ihn befand ein Grund für die Anwesenheit von Mulder und Scully in der Hütte. Lehlique selbst war durchaus auch nicht ganz unschuldig daran. Denn sie hatte sich allen ihr möglichen Mitteln bedient um die beiden an diesen Ort zu lotsen. Sogar der Schneesturm war zum Teil ihr Verdienst. Von ihren Bemühungen versprach sie sich aber nicht in erster Linie Hilfe um den Störenfried loszuwerden. Sie verfolgte ein ganz anderes Ziel. Und nach allem was sie bisher in Erfahrung gebracht hatte, wagte sie mehr zu hoffen als jemals vorher. Ein seliges Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit.


Nachmittags begann es wieder leicht zu schneien. Der Schneefall hielt sich diesmal im normalen Rahmen. Es würde kein solcher Schneesturm wie gestern daraus werden. Mulder, Scully und Lehlique, die sich inzwischen wieder zu ihnen gesellt hatte, saßen um das Feuer und warteten auf die Dunkelheit. Lehlique vertrieb ihnen die Zeit mit Geschichten. Sie erzählte ihnen von ihrer Heimat. Einem Ort an dem die Zeit anders lief als hier. Sie erzählte von sanften Hügeln, weiten, rosa bis orangefarbenen Ebenen und einem türkisgrünen Meer. Von goldenen Bäumen mit weißen Blättern unter einem tiefvioletten Himmel. Sie sprach von Tieren deren Beschreibung auf kein irdisches Lebewesen passte, von bunten Blumen bei denen jedes einzelne Blütenblatt eine eigene Farbe besaß. Und davon wie gerne sie das alles einmal wiedersehen würde. Sie hatte keine Familie, aber sie hatte vor langer Zeit einmal einen tierischen Freund. Ein Tier, das man mit einem großen, zotteligen Hund vergleichen könnte und das sie sehr vermisste. Sie erzählte ihnen, dass sie nirgendwo hingehen konnte da sie diesen Berg nicht verlassen durfte. Erst jetzt wisse sie was es heißt frei zu sein und das tun zu können was immer man will. Sie verstummte. Niemand sagte etwas. Mulder und Scully hatten beide bemerkt, dass Lehlique während sie erzählte immer wieder mit den Tränen hatte kämpfen müssen. Beide erkannten, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte als ihre Freiheit, um nach Hause zurückkehren zu können.


Nachdem die Dämmerung hereingebrochen war, bezogen alle drei ihre Positionen um den Schützen dieses Mal zu erwischen. Lehlique und Scully hielten sich in dem kleinen Felskessel versteckt. Von dort beobachteten sie den Wald. Lehlique musterte Scully, die angestrengt, die Waffe in der Hand, in die Dunkelheit starrte.
"Sie sind sehr mutig. Und Sie besitzen sehr viel Verstand."
Als Scully nicht antwortete fuhr sie nach einer kurzen Pause fort.
"Aber Sie sind so sehr auf Ihren Verstand fixiert, das Sie etwas vergessen. Ihr Herz."
Erstaunt sah Scully Lehlique direkt in die Augen.
"Verdrängen Sie ihre Gefühle nicht. Es ist keine Schande sein Herz zu verlieren."
"Vielleicht habe ich es wirklich verloren, aber..."
"Sie haben Angst, dass es nicht gefunden werden könnte."
Scully schwieg.
"Glauben Sie mir, er hat es längst gefunden. Er traut sich nur ebensowenig wie Sie es aufzuheben. Aus Angst er könnte es verletzen."
Scully sah zur Seite. Sie fühlte sich dem Blick dieser seltsamen Augen nicht länger gewachsen. Lehlique sprach nicht weiter. Sie begnügte sich damit ihre Worte auf Scully wirken zu lassen. Die beiden Frauen konzentrierten sich wieder auf ihre Aufgabe. Scully bemerkte als Erste die Bewegungen im Wald. Die Lichtkegel zweier Taschenlampen leuchteten kurz auf.
"Da unten ist er. Er hat sich Verstärkung mitgebracht."
Lehlique bestätigte es. Zwei Personen kamen aus dem Wald auf sie zu. Soweit sie das aus der Entfernung beurteilen konnten handelte es sich um einen Mann, derjenige, der gestern geschossen hatte, und eine Frau.
"Okay, es geht los."


Lehlique stellte sich demonstrativ, weithin sichtbar, mitten auf die Lichtung. Nur eine Person, der Mann, kam auf sie zu, die Waffe in der Hand. Sobald sie sich absolut sicher war, dass er sie gesehen hatte lief sie in die Hütte. Der Mann folgte ihr. Mit voller Wucht riss er die Tür auf. Plötzlich stand ihm Lehlique direkt gegenüber. Das Mädchen anstarrend verharrte er sekundenlang. Noch nie hatte er sie aus nächster Nähe gesehen. Diesen kurzen Moment der Zögerung nutzte Mulder, der hinter der Tür gelauert hatte, um ihm blitzschnell die Waffe aus der Hand zu schlagen. Geistesgegenwärtig fing Lehlique sie auf und richtete sie auf den Mann. Mulder richtete seine Waffe ebenfalls auf ihn. Es war Jason Carr, der Bruder der Museumseigentümerin. Er sah die Aussichtslosigkeit seiner Lage ein und gab auf.


Währenddessen hatte Scully von ihrem Platz hinter dem Felsen aus beobachtet wie der Mann Lehlique gefolgt war und die andere Person etwas Abseits wartete. Diese ließ die Hütte nicht aus den Augen, doch irgendwann kam es ihr merkwürdig vor, dass ihr Begleiter nicht wieder herauskam. Sie war auf dem Weg zur Hütte um sich zu vergewissern was dort drinnen vorging, als Scully neben ihr auftauchte. Sie hatten recht gehabt. Es war eine Frau. Miss Anne Carr. Im selben Augenblick als Scully die Frau erkannte suchte diese ihr Heil in der Flucht. Sie rannte und rannte. Scully blieb ihr ständig auf den Fersen. Sie war schneller als Miss Carr. Bald hatte sie sie eingeholt und packte sie am Kragen. Beide rangen erschöpft nach Luft. Miss Carr ließ sich widerstandslos von Scully zur Hütte zurück bringen. Wo Mulder und Lehlique schon mit ihrem Bruder auf sie warteten. Über ihnen wurde es unvermittelt laut. Ein Hubschrauber der Bergwacht befand sich im Landeanflug auf die Lichtung. Mulder hatte ihn per Handy gerufen. Neben dem Lärm erzeugten die großen Rotoren des Hubschraubers starken Wind. Lehlique wollte nicht von so vielen Menschen gesehen werden. Also begleitete Mulder sie zu den Felsen, so weit bis sie außer Sichtweite waren. Allerdings nicht ohne sich vorher von Scully versichern zu lassen, dass sie hier alleine klarkommen würde. Nachdem der Hubschrauber gelandet war wurde es wieder still. Scully übergab die Carrs an die Bergwacht. Soweit sie es konnte versuchte sie zu erklären was vorgefallen war. Die Carrs wurden in den Hubschrauber befördert. Dieser würde sie in die nächstgrößere Stadt bringen, wo alles weitere in ihrem Fall geregelt werden sollte.


Zur gleichen Zeit ereignete sich hinter den Felsen ein Schauspiel der besonderen Art. Mulder und Lehlique hatten sich soweit entfernt, dass sie außer Sicht- und Hörweite waren. Lehlique war gerade in Begriff sich zu verabschieden.
"Ich danke Ihnen für alles was Sie für mich getan haben."
Sie wandte sich von Mulder ab.
"Wo wollen Sie hin?"
"Es ist Zeit für mich zu gehen."
"Aber, ich denke..."
Sie schnitt ihm das Wort ab.
"Ich habe nur noch einen Wunsch."
"Wenn ich Ihnen diesen Wunsch erfüllen kann, will ich es tun."
"Geben Sie sie ihr. Geben Sie ihr die Blüte der Sehnsucht."
"Wem? Scully?"
"Geben Sie sie der Frau, mit der Sie ihr Leben verbringen, der Frau die Sie lieben. Erfüllen Sie mir diesen einzigen Wunsch und entfachen Sie die Flamme der Rose. Geben Sie mir das zurück wonach ich mich am meisten sehne. Meine Freiheit."
Noch während sie sprach dehnte sich das Licht, das sie umhüllte, immer weiter aus. Es wurde stärker und heller, bis Mulder das Mädchen nicht mehr sehen konnte. Nach ein paar Sekunden, die es sich in seiner vollen Größe präsentierte zog sich das Licht wieder zusammen. Bis es sich schließlich ungefähr auf Mulders Augenhöhe ganz auflöste. Lehlique war nicht mehr da. Dort wo sie gestanden hatte lagen mehrere der winzigen Steine im Schnee. In ihrer Mitte befand sich etwas Größeres. Mulder ging in die Knie um es genauer zu betrachten. Es war ein durchsichtiger, funkelnder Stein. In Form einer Rosenblüte. Die Blüte der Sehnsucht. Es übertraf alles was Mulder bisher gesehen hatte. Er war so sehr gebannt, dass er nicht einmal hörte wie der Hubschrauber davonflog.


Scully sah dem Hubschrauber hinterher. Es war wie sie vermutet hatte. Miss Carr wollte den Stein für ihr Museum haben. Ein Edelstein, den es nirgendwo auf der Welt ein zweites Mal gab wäre der Besuchermagnet gewesen. Und wenn nicht hätte sie ihn teuer verkaufen können. Ihr Bruder war nur ihr Handlanger gewesen. Scully schüttelte den Kopf. Zwischen den Felsen sah sie Mulder auftauchen. Allein. Sie ging ihm entgegen. Beide blieben voreinander stehen, als sie sich auf halber Strecke trafen.
"Wo ist Lehlique?"
"Sie sagte, dass es für sie Zeit ist zu gehen. Aber ich glaube nicht, dass sie bereits fort ist."
Er hielt ihr seine geschlossene Hand hin. Ganz langsam öffnete er die Faust. In seiner Handfläche lag die steinerne Rosenblüte. Scully traute ihren Augen nicht.
"Er ist außergewöhnlich."
"Er ist für Sie."
Erstaunt sah sie von dem Stein zu Mulder und wieder zurück.
"Er ist viel zu kostbar, das kann ich nicht annehmen."
"Lehlique wollte es so. Sie hat ihn für Sie bestimmt. Enttäuschen Sie sie nicht."
Vorsichtig streckte sie ihre Hand nach dem wertvollen Gegenstand aus. Doch genau in dem Moment, als ihre Finger den Stein berührten durchzuckte ihn ein weißer Blitz. Erschrocken zog sie ihre Hand zurück.
"Was war das?"
"Keine Angst. Nehmen Sie ihn. Vertrauen Sie mir."
Scully griff noch einmal nach dem Stein ohne das etwas passierte. Behutsam legte sie ihn in ihre Handfläche.
"Er ist wunderschön."
Wieder sah sie von dem Stein zu Mulder auf. Der Ausdruck seiner Augen verunsicherte sie, da war definitiv Enttäuschung in seinem Blick. Scully fühlte sich irgendwie schuldig, obwohl sie nicht wusste warum. Mit der freien Hand berührte sie sanft seinen Arm. Betrübt lächelte sie ihn an. Und dann geschah etwas, das sie nicht für möglich gehalten hätte. Wieder durchzuckte der Blitz den Stein. Die Blüte fing an zu leuchten und veränderte ihre Farbe. Von weiß über gelb und orange bis hin zu einem tiefen rot. Ein roter Lichtstrahl löste sich über dem Stein, schwebte noch eine Weile über ihnen und entfernte sich dann. Mulder und Scully sahen ihm nach bis er sich im Dunkel der Nacht verlor. Es dauerte eine Weile bis Scully begriffen hatte was gerade passiert war. Mulder ließ ihr die Zeit, die sie brauchte um zu verstehen. Sie erinnerte sich an den Text unter dem Bild im Museum. Und auch daran was Lehlique vorhin zu ihr gesagt hatte. Sie war nicht mehr fähig irgendein Wort zu sprechen. Ihr Blick wanderte von der Stelle am Himmel wo der Lichtstrahl verschwunden war zu Mulder zurück. Sie sah ihn an, als wüsste sie nicht ob sie lachen oder weinen sollte. Mulder lächelte zärtlich. Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie sanft. Sie erwiderte seinen Kuss, erst zögernd, dann mit wachsender Leidenschaft. Seine Arme legten sich um sie und er zog sie näher zu sich heran. Sie spürte wie seine Zunge die ihre berührte. Ein wohliger Schauer durchlief ihren Körper. Sie schlang die Arme um seinen Nacken und drückte sich noch enger an ihn. Es hörte auf zu schneien. Nachdem die Wolken sich verzogen hatten, war der Himmel sternenklar. Das helle Mondlicht verlieh der verschneiten Landschaft einen magischen Glanz.


<>>*<<> Ende <>>*<<>





 
 
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